Spitze des Eisbergs?

Chronische Nierenerkrankungen – Eine Herausforderung für das Gesundheitssystem

von Rüdiger Zart, Redaktion

 

Etwa 70 Millionen Europäer haben einen Teil ihrer Nierenfunktion eingebüßt (CKD) und sind in einem hohen Maße dem Risiko ausgesetzt, in Zukunft von einer Nierenersatztherapie – Dialyse oder Transplantation – abhängig zu werden. Die Anzahl der von einer terminalen Niereninsuffizienz (ESRD) Betroffenen steigt in Deutschland pro Jahr um etwa 3–5 %. 2014 wurden in Deutschland ca. 73.000 Patienten mit chronischer Niereninsuffi zienz kontinuierlich mit einem Dialyseverfahren behandelt. Doch auch wenn sich die Überlebensraten an Dialyse zuletzt verbessert haben (S. 41), die Mortalität der Patienten mit Nierenerkrankungen ist nach wie vor unakzeptabel hoch.

 

Der demographische Wandel in der europäischen Bevölkerung ist einer der Gründe für die steigenden Zahlen, die Menschen werden älter und der Verlust der Nierenfunktion ist geradezu ein Symptom des Alterns. Die Alterszusammensetzung der Dialysepopulation hat sich den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Lag der Altersdurchschnitt der dialysierten Patienten im Jahre 1996 noch bei 59 Jahren, stieg dieser im Jahre 2004 auf über 65 Jahre und heute sind auch Dialysepatienten im Alter von 70, 80 und 90 Jahren keine Ausnahme mehr.

 

Sustainable Kidney Care

 

Die steigende Prävalenz der ESRD wird zunehmend zur ökonomischen Herausforderung für die Gesundheitssysteme. Die jährlichen Kosten für Dialysepatienten in Europa werden auf ca. 80.000 Euro geschätzt. „Was wir heute an Prävalenz der CKD sehen, ist vielleicht nur die Spitze des Eisbergs“, befürchtet Prof. Andrzej Więcek, Präsident der European Renal Association – European Dialysis and Transplantation Association (ERA-EDTA). Anlässlich des 52nd ERA-EDTA Kongresses im Mai 2015 in London mahnte der Experte: „Es ist höchste Zeit zu handeln. Die europaweit steigende Prävalenz nierenkranker Patienten ist eine ernste Herausforderung, der wir durch weitere Anstrengungen auf dem Gebiet der Aufklärung, Prävention, Früherkennung und der Transplantation begegnen müssen“.

 

Nephrologische Forschung

 

Prävention und Früherkennung sind die eine Seite der Medaille, doch wie sieht es mit der anderen, der Therapie, aus. Anders als in vielen Fachgebieten hat die Nephrologie von neuen immunmodulatorischen Medikamenten bislang kaum profitiert. Nötig sei, so meint Prof. Hans-Joachim Anders, München, eine Verbesserung des „translationalen Flows“, auch Netzwerkbildung, homogene Patientengruppen und relevantere Endpunkte seien für eine erfolgreiche klinische Forschung unabdingbar. Anders plädiert darüber hinaus für eine Neuausrichtung der Diagnostik, weg von historisch-deskriptiven Klassifikationen, die zuweilen irreführend und ursächlich für viele Probleme des Fachgebiets seien (S. 22).

 

Wie wertvoll industrieunabhängige Forschung ist, zeigt eindrucksvoll die STOP-IgAN-Studie. Die prospektive, multizentrische randomisierte Studie zur IgA-Nephritis wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des BMBF-/DFG-Programms „Klinische Studien“ gefördert. Die Studienergebnisse lassen u. a. keinen Zweifel daran, wie wichtig eine optimale supportive Therapie für IgAN-Patienten ist (S. 36).

 

 

Zu Unrecht vernachlässigt

 

Vor dem Hintergrund der schlechten Transplantationssituation in Deutschland ist die Dialysebehandlung nach wie vor die zentrale Therapie für ESRD-Patienten. Für gewöhnlich versteht man unter Dialyse eine Hämodialyse in einem Zentrum. Doch auch, wenn sie in Deutschland kaum angewandt wird, es gibt sie noch die Peritonealdialyse (PD), sie ist weltweit das vorherrschende Heimdialyseverfahren und hat sich in einigen Ländern wie Mexiko sogar als das vorherrschende Dialyseverfahren etabliert. Innerhalb Europas variiert die Akzeptanz der PD stark. In Deutschland werden lediglich etwa 5 % aller Dialysepatienten mit der PD behandelt. Professor Mark Dominik Alscher, Stuttgart, findet das schwer nachvollziehbar und gibt ein Update über dieses in Deutschland vielleicht zu Unrecht vernachlässigte Verfahren (S. 8).

Professor Thomas Mettang, Wiesbaden, schreibt über den klinischen PD-Alltag, der einen zuweilen mit Situationen konfrontiert, für die es keine Standardlösungen gibt. Solche Situationen führen dann nicht selten zum Abbruch des PD-Verfahrens. Zu Unrecht, wie Mettang findet, denn für viele dieser technischen und medizinischen Probleme gibt es sehr gute individuelle Lösungen (S. 15). Möglicherweise liegt die geringe Akzeptanz der PD auch daran, dass ein „Standarddialyseregime“ individuellen Patientenbedürfnissen nicht immer gerecht werden kann. Die adaptierte APD stellt eine Form der individualisierten PD-Rezeptur dar und erweitert das Spektrum der Peritonealdialyse, wie Doktor Martin Kimmel, Stuttgart, berichtet (S. 32). Seltene Nierenerkrankungen Für Stenosen der Nierengefäße ist die Atherosklerose, insbesondere im fortgeschrittenen Alter, die häufigste Ursache. Bei jungen Patienten sollte man bei  Nierenarterienstenosen oder/und -aneurysmen auch an entzündliche oder seltenere nichtentzündliche Erkrankungen denken. Professor Clemens Cohen, München, behandelt in seinem Beitrag über die fibromuskuläre Dysplasie, die segmentale arterielle Mediolyse und das Ehlers-Danlos-Syndrom Typ IV drei Differentialdiagnosen nichtentzündlicher Erkrankungen, die auch im jungen Alter zu stenotischen Veränderungen der Nierengefäße führen (S. 18).

Ebenfalls selten ist der Morbus Fabry, eine genetische lysosomale Speichererkrankung, über die Prof. Christine Kurschat, Köln, berichtet (S. 20). Frühe Symptome der Erkrankung zeigen sich bereits im Kindesalter, dennoch dauert es oft mehr als ein Jahrzehnt, bis die Erkrankung diagnostiziert wird. Dabei kann die frühe Diagnose und Therapie über den weiteren klinischen Verlauf entscheiden. Seit 2001 ist für die Behandlung des Morbus Fabry eine Enzymersatztherapie in Deutschland zugelassen.

 

Blick über den Tellerrand

 

Dass Autoimmunerkrankungen, die auch die Niere betreffen, an ganz anderer Stelle ebenfalls zu Komplikationen führen, und dann eine rasche und relativ aggressive immunsuppressive Therapie in interdisziplinärer Zusammenarbeit notwendig machen, zeigt eindrucksvoll der Beitrag von dem Ophthalmologen Prof. Marcus Blum aus Erfurt (S. 24) und Beate Spindler wirft ihr Augenmerk auf ein kaum erforschtes, aber dennoch interessantes Verfahren, über den Nutzen der Shunt-Selbstpunktion gibt es kaum Daten (S. 26).

Auch Dialysepatienten möchten nicht auf Urlaub verzichten und verreisen gerne. Das Angebot an Urlaubsdialysen nimmt ständig zu und die Ziele werden exotischer. Professor Matthias Girndt, Halle, stellt die Frage, ob bei Patienten, die von Urlaubsdialysen im Ausland zurückkehren, besondere Screening- oder Hygienemaßnahmen erforderlich sind (S. 30). Eine faszinierende Reisemöglichkeit für Dialysepatienten ist die Kreuzfahrt, Privatdozent Doktor Wagner, berichtet über Möglichkeiten und Erfahrungen mit der Schiffsdialyse (S. 28).

 


Bericht: Rüdiger Zart, Redaktion

 

aus connexi  5-2015

März bis Juni 2015

Nephrologie, Dialyse, Transplantation

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