Herzinsuffizienz: Pilotprojekt zur digitalen Vernetzung der Versorger in Herne

Herzinsuffizienz: Pilotprojekt zur digitalen Vernetzung der Versorger in Herne Interview mit Dr. Ali Halboos, Herne  Symptome einer Herzinsuffizienz (HI) sind in Deutschland mit die häufigsten Gründe, warum sich Pa­tienten beim Allgemeinarzt vorstellen und die nicht selten mit einer stationären Krankenhausaufnahme verbunden sind. Etwa zwei bis drei Millionen Menschen sind betroffen, mit steigender Lebenserwartung steigt das Risiko. Eine Herzinsuffizienz hat damit eine enorme medizinische und gesundheitsökonomische Bedeutung. Digital unterstützte Versorgungsstrukturen könnten die Verbesserung der Versorgung, insbesondere die langfristige Nachbetreuung von Patienten mit Herzinsuffizienz erleichtern. Eine flächendeckende HI-Netzwerkstruktur fehlt allerdings hierzulande. Im Rahmen des neuen Zertifizierungsmodells der DGK hat das Evangelische Krankenhaus Herne ein Pilotprojekt in Angriff genommen, mit dem eine computerbasierte Netzwerkstruktur geschaffen werden soll. Dr. Ali Halboos, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie, stellt im Interview mit  das Projekt vor.  Herr Dr. Halboos, worum geht es bei der angestrebten HI-Netzwerkstruktur? Gibt es etwas Vergleichbares? Dr. Halboos: Wir wollen damit die Empfehlung der DGK und anderer Fachgesellschaften wie der Gesellschaft für Herzchirurgie und auch des Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) umsetzen. Dabei geht es um die Etablierung sogenannter Herzinsuffizienz-Netzwerke, um die anspruchsvolle und fachübergreifende Therapie der Betroffenen erfolgreicher zu gestalten. Die Idee ist, dass überregionale HI-Zentren, HI-Schwerpunktkliniken und -praxen, die auf die Versorgung von HI-Patientinnen und -Patienten spezialisiert sind, zertifiziert werden, um so vor allem deren langfristige Prognose nachhaltig zu verbessern. Wir wollen das zukunftsgerichtet gleich von Beginn an digital realisieren.  Für die HI gibt es bislang kein Pilotprojekt. Es gibt zwar in der Onkologie solche Netzwerke, aber auf einem völlig anderen Niveau und viel besser organisiert. Die Tumorkonferenzen sind multidisziplinär besetzt, auch die Nachsorge ist einbezogen. Das gibt es in dieser Form in der Kardiologie nicht.Sie sahen einen Bedarf für HI-Patienten, worin genau bestehen die Defizite und was war Ihre Idee für Herne?  Dr. Halboos: Herne hat ca. 150.000 Einwohner, wir behandeln sehr viele HI-Patienten, die in der Folge oft unterversorgt sind, weil sich die Betreuung und die Weiterversorgung nach der Akut­behandlung im ambulanten Bereich auf Grund der verschiedenen fachärztlichen Strukturen und Schnittstellen schwierig gestaltet. Die HI ist eine chronische Erkrankung und bedarf einer regelmäßigen Überwachung. Die Patienten sind meist nur bei ihrem Hausarzt „angebunden“. Für diesen mag die Einschätzung der Situation bei einer komplexen Medikation schwierig sein und deren Indikations- und Variationsspektrum in Kombination mit anderen Medikamenten und Begleiterkrankungen im Verhältnis zur Zeit, die für jeden Patienten zur Verfügung steht, schier unüberblickbar. Es gibt dann noch Complianceprobleme seitens des Pa­tienten, die Adhärenz lässt mehr und mehr nach, der Patient dekompensiert und landet wieder in der Klinik. Dort wird er wieder rekompensiert, und dann geht er wieder zum Hausarzt. Aus dieser suboptimalen Struktur ergab sich die Überlegung der Fachgesellschaften, regionale Netzwerke zu etablieren. Und so entstand bei uns die Idee, das EvKH Herne im Rahmen des neuen Zertifizierungsmodells der DGK als Schwerpunktklinik HI zertifizieren zu lassen. Der Antrag ist eingereicht. Damit das Ganze Hand und Fuß und eine Struktur hat, gibt es mittlerweile einen Patientenleitfaden und Schulungsmaterial für Patienten sowie für Schwestern und Pfleger, die dann standardisierte Schulungen durchführen. Neu ist, dass wir eine computerbasierte Netzwerkstruktur aufbauen wollen, für die wir alle Kardiologen in Herne und zunächst einige Hausarztpraxen mit ins Boot holen konnten. Alle, die wir kontaktiert und denen wir das Projekt vorgestellt haben, machen mit. Allein die Finanzierung war problematisch – Hardware, Software, Lizenzgebühren etc. Für die HI hat der Gesetzgeber bis jetzt noch keine Idee das Telemonitoring vernünftig zu vergüten, dafür eine Abrechnungsziffer zu generieren oder irgendetwas in dieser Richtung zu machen. Und genau so ist es mit computerbasierter Netzwerkarbeit, es ist zwar schnell gesagt, einen Computer hinzustellen und eine Software zu installieren – nur es bezahlt eben keiner, obwohl klar ist, dass wir um solche digitalen Netzwerkstrukturen nicht werden herumkommen und dass es auch langfristig kosteneffizient ist. Ich habe das Modell unserer Verwaltung vorgestellt: Wir machen es jetzt computergestützt, das hat Dynamik. Nach der Empfehlung der Fachgesellschaften und der überwältigenden Zustimmung der Kardiologen und Hausarztpraxen hat die Geschäftsführung schließlich zugestimmt, das Projekt als Exempel zu starten.  Wie sind Sie vorgegangen, wie soll es genau funktionieren? Dr. Halboos: Als alle Fragen mit dem Softwarehersteller geklärt waren, wurde die Software bei uns installiert. Letzte softwaretechnische Details müssen noch umgesetzt werden, daran wird zurzeit gearbeitet. Aber wir sind in unserer Klinik inzwischen so weit organisiert, dass wir für alle Krankheitsbilder SOPs für die Versorgung von HI-Patienten haben, die auch bereits „gelebt“ werden. Die Niedergelassenen sind geschult, die Praxen haben einen Ansprechpartner bei Biotronik (dem IT-Anbieter), den sie jederzeit bei Problemen anrufen können. Nach der Zertifizierung, die geplant im August erfolgt, werden wir das System gut „füttern“. Dann soll es so laufen, dass die Niedergelassenen uns Zeitslots vorgeben, jede Praxis hat Zugriff auf einen eigenen Kalender; Bsp. Mo, Mi, Frei, jeweils 9–14 Uhr können jeweils vier Pa­tienten kommen. Wir entlassen den Patienten und können ihm schon direkt den Termin in der Praxis mitteilen, wann er hingehen kann. Die Praxis erhält über das System die Benachrichtigung, wer wann kommt. So soll es funktionieren.  Man kann über einen Webbrowser von jedem Rechner, unabhängig davon, wo der steht, mit spezifischen Zugangsdaten, die wir vergeben, auf das System zugreifen. Jeder kann zu jeder Zeit live online sehen, was macht der andere Kollege gerade am Patienten. In diesem System pflegen wir alle HI-Patienten, die bei uns behandelt werden, ein. Wir screenen sie, entweder über die Diagnosen oder über unsere Echokardiografie-Abteilung. Sie werden ein Kärtchen bekommen, dass sie Mitglied mit Herner HI-Netzwerk sind, das sie dann immer bei ihrem Kardiologen oder bei ihrem Hausarzt vorzeigen sollen, so dass immer alle wissen, er/sie ist im System. Das System ist so gestaltet, dass man frei definieren kann, mit welchem Parameter man arbeiten möchte. Bei uns wird es so sein, dass es einen standardisierten etablierten HI-Fragebogen gibt, den die Arzthelferinnen in der Arztpraxis abfragen sollen, so dass es mit möglichst wenig Arbeit für die Ärztin/den Arzt verbunden ist. Für sie/ihn wird es eine einzige Seite geben, auf der nichts anderes als die Leitlinie im Algorithmus hinterlegt ist. Das zeigt, in welchem Schritt des therapeutischen Vorgehens man sich gerade befindet. Den klickt sie/er an und sieht, welche Optionen es gibt, mache ich das weiter oder muss ich einen Schritt nach rechts gehen. Das System ist relativ simpel, aber man sieht, was ist noch offen, was kann man noch optimieren bei diesem Patienten, für die Hausärztin/den Hausarzt, die Kardiologin/den Kardiologen und für die Klinikärztin/den Klinikarzt. Jeder sieht immer den aktuellen Stand des Patienten, welche Therapie­optionen bestehen und was ein anderer vielleicht geändert hat. Das ist erstes Ziel dieses Systems, aber es kann natürlich noch viel mehr. Man kann es bestücken, wie man will, man kann Formulare eingeben, kann sie sich so anlegen, wie man sie braucht. Wir wollen aber zunächst erst einmal die Grundlage schaffen, dass jeder genau weiß, was mit dem Patienten bis jetzt getan wurde. Haben Sie auch überregionale Kooperationspartner für das Projekt? Dr. Halboos: Ja, wir haben jetzt eine inzwischen sehr gut funktionierende Kooperation mit der Uni Essen begonnen, mit einem überregionalen HI-Zentrum, dem sogenannten Ruhr HF-Net, das ist ein ganz neues Netzwerk. Das Westdeutsche Herz- und Gefäßzentrum (WHGZ) am Universitätsklinikum Essen wurde 2018 als erstes überregionales Herzinsuffizienz-Zentrum im Ruhrgebiet zertifiziert. PD Dr. Lüdike, Oberarzt in der Klinik für Kardiologie am Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum, Universitätsklinikum Essen, Leiter Bereich Herzinsuffizienz und Intensivmedizin Interventionelle AV-Klappentherapie und der Leiter des Projektes an der Uni Essen war in Herne, hat sich unser Projekt angeschaut und war begeistert. Vielleicht wird aus unserem einmal ein ganz großes gemeinsames Projekt. Sie wollen das gleiche machen, basierend auf einem Computersystem, und alle Patienten einschleusen. Die Vision ist, mit dem Zentrum in Essen ein überregionales Netzwerk aufzubauen, so dass die Patienten bis hin zu Herz-Kreislaufunterstützungssystemen, die von den Thoraxchirurgen implantiert werden, komplett versorgt und überwacht sind in einer einzigen Struktur und alle relevanten Beteiligten Zugriff darauf haben. Das wäre dann ein richtiges Netzwerk auf höherem Niveau. Vorerst wird es sicherlich nur Schnittstellen geben. Aus datenschutztechnischen Gründen muss man dazu sagen, es haben nur die Ärzte, die den Patienten betreuen, Zugriff auf diese eine Person. Eine andere Praxis könnte nicht sehen, wer und wie viele Patienten in diesem Netzwerk drin sind. Dass der vor- und nachbehandelnde Arzt Daten weitergeben darf, ist ohnehin im Landesgesetz NRW hinterlegt, auch ohne Zustimmung des Patienten. Außerdem arbeiten wir auch zusammen mit dem Institut für angewandte Telemedizin in Bochum (IAT). Das ist ein Projekt, an dem federführend die Uni Hannover beteiligt ist, zusammen mit den Deutschen Gesundheitsdiensten DEGEDI und ausgewählten Kliniken aus dem Ruhrgebiet sowie einige andere Satellitenkrankenhäuser bundesweit mit eher ländlichem Charakter. Damit wollen wir gemeinsam erforschen, was bringt bei HI die Telemedizin, um dann auch irgendwann einmal handfeste Daten aufweisen zu können für eine adäquate Finanzierung.    Herr Dr. Halboos, vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stelle Elke Klug.   Bildcollage Copyrights:  istockphoto / A_Probedimskiy, iStockphoto / Anton Mislawsky     Im Gespräch mit:           Dr. med. Ali Halboosa.halboos@evk-herne.de                 aus connexi  5-2019 KARDIOLOGIE, HERZCHIRURGIEDGK Jahrestagung 2019Kongressberichte       Titelbild Copyright: Science Photo Library / Thomas Deerinck / NCMIR. Gestaltung: Jens Vogelsang     
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