Versorgung von Schmerzpatienten

Rolle der pflegerischen Schmerzexperten und -expertinnen

von Nadja Nestler, Münster

 

Noch immer haben viele Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern Schmerzen, die nicht ausreichend gelindert sind. Mit dem sich entwickelnden Bewusstsein gegenüber pflegerischen Aufgaben im Schmerzmanagement konnte in Studien gezeigt werden, dass die Pflege einen bedeutsamen Anteil an der Schmerzversorgung und bei der Optimierung der interprofessionellen Zusammenarbeit hat.

 

Bereits seit 1999 beschäftigt sich das Deutsche Netzwerk zur Qualitätsentwicklung in der Pflege mit Themen, die für die pflegerische Versorgung von hoher Bedeutung sind [1]. Im Jahr 2005 wurde daher auch erstmals der Nationale Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege veröffentlicht, der eine Leitlinie für das pflegerische Schmerz­management darstellte und die pflegerischen Aufgaben und Möglichkeiten in der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit akuten und chronisch tumorbedingten Schmerzen beschrieb [2]. Damit war erstmals ein Grundstein für ein systematisches pflegerisches Schmerzmanagement in Deutschland gesetzt. Mit dem sich entwickelnden Bewusstsein gegenüber diesem pflegerischen Aufgabenbereich konnte in unterschiedlichen Studien gezeigt werden, dass die Pflege einen bedeutsamen Anteil an der Schmerzversorgung der Patientinnen und Patienten hat [3].

 

Eine noch nicht ausreichende Systematisierung des pflegerischen Schmerzmanagements und ein unzureichendes Wissen vieler Pflegender [4] verdeutlichten die Notwendigkeit des Einsatzes pflegerischer Schmerzexperten und -expertinnen, so dass sich entsprechende Fortbildungsangebote etablierten [5].

 

 

Das pflegerische Schmerzmanagement

 

Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit akuten und/oder chronischen Schmerzen muss eine interprofessionelle Aufgabe sein, wobei Pflegende spezifische Kompetenzen in die Versorgung der Patientinnen und Patienten einbringen [6, 7]. Trotz aller Bemühungen in den letzten Jahren haben immer noch viele Patientinnen und Pa­tienten in Krankenhäusern Schmerzen, die nicht ausreichend gelindert sind [8, 9]. Daher bedarf es weiterer Anstrengungen um die Versorgung eben dieser Patientinnen und Patienten zu optimieren. Eine wichtige Rolle im pflegerischen Schmerzmanagement haben Pflegende mit einer entsprechenden fachspezifischen Fortbildung zum pflegerischen Experten bzw. zur pflegerischen Expertin Schmerz. Sie unterstützen die Einrichtung, in der sie tätig sind, in der Konzeption und Umsetzung des pflegerischen Schmerzmanagements, um die in den aktuell gültigen Expertenstandards zum akuten Schmerz [6] bzw. chronischen Schmerz [7] formulierten Ziele erreichen zu können. Dabei geht es um die jeweiligen spezifischen pflegerischen Beiträge in der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit akuten bzw. chronischen Schmerzen in allen Versorgungserbeichen. Pflegende verfügen über die jeweils notwendigen Kompetenzen um ein pflegerisches Schmerz-Assessment zu planen und durchzuführen, einen interprofessionellen Dialog zu führen, die Umsetzung der angeordneten medikamentösen Therapien sicherzustellen sowie die Planung und Umsetzung der nicht medikamentösen Maßnahmen. Diese Schritte des Schmerzmanagements gilt es dabei auf die Schmerzsituation des jeweiligen Patienten/der jeweiligen Patientin auszurichten und sich an dem individuellen Bedarf zu orientieren [6, 7].

 

Zudem ist die Edukation von Patientinnen und Patienten pflegerische Aufgabe [6, 7], wobei der Alltagsbezug und die Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) im Fokus der Schmerzsituation Inhalt der pflegerischen Edukation sind.

 

 

Aufgaben von Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten Schmerz

 

Die pflegerischen Schmerzexpertinnen und -experten leisten in der täglichen Patientenversorgung einerseits die Betreuung von Patientinnen und Patienten mit komplexen Problemlagen durch spezialisierte Verfahren der Analgesie in Schmerzdiensten [10]. Sie arbeiten aber ebenfalls konzeptionell an der Entwicklung und Weiterentwicklung des pflegerischen Schmerzmanagements, schulen und beraten Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege sowie anderen Berufsgruppen und bieten damit eine Unterstützung für die Kompetenz­entwicklung und -erweiterung [10].

 

International konnte die Sinnhaftigkeit des Einsatzes pflegerischer Schmerzexperten und -expertinnen gezeigt werden. So wird durch ihren Einsatz eine regelhafte Schulung pflegerischer Kolleginnen und Kollegen zum Phänomen Schmerz ermöglicht [11, 12] und eine regelgerechte Nutzung schriftlicher Vorgaben zum Schmerzmanagement sichergestellt [11]. Auch die Verbesserung der Schmerzsituation der Patientinnen und Patienten durch die Einbeziehung pflegerischen Expertenwissens sowie durch die Optimierung der interprofessionellen Zusammenarbeit konnte gezeigt werden [12].

 

In der deutschen Versorgungsrealität zeigt sich, dass die bisher ausgebildeten Schmerzexpertinnen und -experten sowohl die Betreuung von Patientinnen und Patienten mit speziellen Schmerztherapieverfahren in den Kliniken leisten, wie auch in der Pflege auf bettenführenden Stationen eingesetzt sind. Somit werden ihr spezifisches Wissen und ihre Kompetenzen genutzt, um die notwendige Betreuung dieser Patientinnen und Patienten durch spezialisierte Mitarbeiter sicherzustellen [10].

 

 

Ausblick

 

Für die Zukunft bedarf es einer weiteren Spezia­lisierung für die Pflege, um eine Versorgung von Pa­tienten und Patientinnen mit chronischen Schmerzen im Sinne des Expertenstandards sicherstellen zu können. Diese wird als Herausforderung erlebt und bedarf der Hinzuziehung von Expertinnen und Experten, die eine adäquate Pflegeprozessplanung und ggf. sektorenübergreifende Koordination leisten können. Hierzu ist ein spezialisiertes Wissen und Können notwendig, das über das Basiswissen der Pflegenden ohne eine spezialisierte Weiterbildung hinausgeht [7]. Daher ist die regelhafte Einbeziehung dieser Expertinnen und Experten zu fordern sowie deren weitere Qualifizierung, auch im Sinne einer akademischen Ausbildung für die Praxis, wie sie bereits in Ansätzen in Deutschland ermöglicht wird [13]. Diese sogenannten Advanced­ Nursing Practitioner könnten dann aufgrund ihrer akademischen Ausbildung neue Perspektiven in die interprofessionelle Versorgung von Schmerzpatientinnen und -patienten einbringen, indem sie über ein höheres Maß an Fähigkeiten verfügen, um eine evidencebasierte Pflegepraxis nachhaltig einzuführen und zu sichern.   

 

Literatur:
  1. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP).Methodisches Vorgehen zur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards in der Pflege und zur Entwicklung von Indikatoren zur Pflegequalität auf Basis von Expertenstandards 2015. Osnabrück
  2. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten und chronisch tumorbedingten Schmerzen 2005.
  3. Nestler N, Maier C, Osterbrink J. Soziale Erwünschtheit in der Schmerztherapie. Antwortverhalten verschiedener Berufsgruppen zur Umsetzung eines berufsgruppenübergreifenden Schmerzmanagements. Der Schmerz 28: 384−390 (2014).
  4. Nestler N, Maier C, Osterbrink J. Selbsteinschätzung Pflegender zum Schmerzmanagement und zur Qualität der Versorgung vor und nach einer Schulung. Pflege und Gesellschaft 20 (4): 332−346 (2015).
  5. Gnass I, Galeja H, Rettig M. Kurse zum Schmerzmanagement. Die Schwester Der Pfleger 55 (9): 60−62 (2016).
  6. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen. Osnabrück; 2011.
  7. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen. Osnabrück; 2015
  8. Pogatzki-Zahn E, Kutschar P, Nestler N, Osterbrink J. A Prospective Multicentre Study to Improve Postoperative Pain: Identification of Potentialities and Problems. PLOS ONE | DOI: 10.1371/journal.pone.0143508 November 24, 2015.
  9. Meißner W, Komann M, Erlenwein J, Stamer U & Scherag A. The Qualitiy of Postoperative Pain Therapy in German Hospitals. The Effext of Structural and Procedural Variables. Dt. Ärzteblatt Int. 114:161−167 (2017).
  10. Boche R, Nestler N, Erlenwein J, Pogatzki-Zahn, E. Pflegerische Schmerzexperten an deutschen Kliniken. Der Schmerz 32 (1): 48−55 (2018). https://doi.org/10.1007/s00482-017-0260-8
  11. McDonnell A, Nicholi J & Read SM. Acute Pain Teams in England: current provision and their role in postoperative pain management. Journal of Clinical Nursing 12: 387−393 (2003).
  12. Courtenay M & Carey N. The impact and effectiveness of nurse-led care in the management of acute and chronic pain: a review of the literature. Journal of Clinical Nursing 17:2001−2013 (2008).
  13. Rebafka A, Hasemann M, Koller A, Leppla L, Mößner & Naegele M. Karriere machen in der klinischen Pflege. Die Schwester Der Pfleger 57 (10): 76-80 (2018).
 

 

Bild Copyright: Shutterstock® Olena Yakobchuk

 

 


Autor:

 

 

Ass.-Prof.in Dr.in rer. medic. Nadja Nestler

nadja.nestler@pmu.ac.at

 

 

 

 

 

aus connexi  1-2019

SCHMERZ- und PALLIATIVMEDIZIN

Deutscher Schmerzkongress 2018 in Mannheim

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Gestaltung: Jens Vogelsang

 

 

 

 

 

 
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