Was Schwerstkranke erleben

Nahtoderlebnisse aus neurologischer Sicht

von Wolfgang Heide

 

 

Nahtoderfahrungen hinterlassen sehr prägende Erlebnisse und Wahrnehmungen, die oft zu einer lebhaften Publikationstätigkeit der Betroffenen geführt haben. Einen Blick ins „Jenseits“ bieten sie jedoch aus neurologisch-neurobiologischer Sicht nicht, da der Tod nie eingetreten war. Die Frage nach dem Jenseits bzw. nach der Unsterblichkeit der menschlichen Seele und einem Leben nach dem biologischen Tod bleibt eine Glaubensfrage.

 

Nahtoderlebnisse werden seit über 25 Jahren immer wieder publiziert, oft Aufsehen erregend in der Laienpresse, aber auch in Fachzeitschriften. Ähnliche Berichte gab es aber bereits im Altertum bei Plato [2]. Von Hieronymus Bosch (1450-1516) wurden sie in eindrucksvoller Form malerisch charakterisiert mit dem Titel „Aufstieg in das himmlische Paradies“ (Abbildung 1). In den 1970er-Jahren wurde von dem amerikanischen Psychiater Raymond A. Moody erstmals eine größere Serie solcher Berichte publiziert [3|, unter anderem in seinem Buch „Leben nach dem Tod. Die Erforschung einer unerklärlichen Erfahrung.“ Es gibt mittlerweile darüber eine Fülle von Büchern, mit Titeln wie „90 Minuten im Himmel, Erfahrungen zwischen Leben und Tod“ von Don Piper, „Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“ von Prof. Dr. Pim van Lommel [4], „Der Tod muss nicht das Ende sein“ von Dr. med. Sam Parnia und, mehr auf neurologisch-wissenschaftlicher Basis, das Buch „Mythos Nahtoderfahrung“ von Dr. med. Birk Engmann [5], niedergelassener Neurologe und Nervenarzt.

 

Wie Mobbs & Watts in einer Metaanalyse [6] berichteten, handelte es sich dabei nur in knapp 50 % um Erfahrungen im Rahmen echter lebensbedrohlicher oder kritischer Situationen mit Sauerstoffmangel etc., in 52 % wurden Nahtoderfahrungen ohne ein lebensgefährdendes Ereignis berichtet, wie z. B. nach Kreislaufkollaps [7]. Nach beiden Typen von Ereignissen berichteten 43 % bzw. 49 % der Betroffenen retrospektiv über Nahtod­erfahrungen, bei prospektiven Studien nur knapp 20 %. Ohne Zweifel war bei keinem dieser Patienten die Definition des klinischen Todes mit irreversiblem Stillstand von Atmung und Kreislauf sowie irreversiblem Ausfall aller Hirnfunktionen erfüllt, erst recht nicht der biologische Tod mit irreversiblem Erlöschen sämtlicher Organ- und Zellfunktionen. Die Nahtoderfahrungen in kritischen oder weniger kritischen Situationen haben aber sehr prägende Erlebnisse und Wahrnehmungen hinterlassen, die oft zu einem starken Sendungsbewusstsein und einer lebhaften Publikationstätigkeit der Betroffenen geführt haben [1]. Einen Blick ins „Jenseits“ bieten sie jedoch aus neurologisch-neurobiologischer Sicht nicht, da der Tod nie eingetreten war.

 

Nach den Ergebnissen der AWARE-Studie von Parnia et al. [8] mit 102 Interviews bei 140 Überlebenden von insgesamt 2.060 Patienten mit Herzstillstand hatten 46 % Erinnerungen an die Akutphase in Form von hellem Licht, Tieren oder Pflanzen, Furcht, Verfolgungsszenarien, Déjà vu oder auch Erscheinungen verstorbener Angehöriger. 9 % berichteten Nahtod­erlebnisse, meistens in Form von Lichtwahrnehmungen wie in einem Tunnel, der ins Licht führt, von starken Glücksgefühlen, Out-of-body-Erfahrungen (Empfindung, seinen eigenen Körper zu verlassen und ihn z. B. von oben zu sehen) oder Depersonalisations-Erlebnissen. 2 % waren sich einiger während der Reanimation gesehener oder gehörter Erlebnisse bewusst, deren Wahrheitsgehalt experimentell überprüft werden konnte [9]. Grob geschätzt waren knapp zwei Drittel der Nahtoderlebnisse positiv mit den erwähnten Glücks- und Lichtwahrnehmungen („Aufstieg ins Paradies“), ein Drittel negativ mit zum Teil höllenähnlichen Erlebnissen.

 

 

Wahrnehmungen und Halluzinationen: Neurobiologie

 

Neurobiologisch lassen sich ähnliche Erlebnisse bei bestimmten Hirnschädigungen nachweisen bzw. provozieren. Unter erhöhtem CO2-Gehalt des Blutes oder Sauerstoff-Mangel wurden aufgrund einer Funktionsstörung des Sehzentrums im Hinterhaupts-(Okzipital-)lappen der Groß­hirn­hemisphären vermehrt tunnelblickartige Gesichtsfeldeinschränkungen bemerkt, ähnlich wie sie nach Nahtod-Situationen berichtet wurden [10]. Bei Schädigung der Sehrinde okzipital treten aber nicht nur Ausfälle auf, wie ein tunnelförmig eingeschränktes Gesichtsfeld bei bilateralen Läsionen, sondern bei Reizung dieser Nervenzellen auch positive Wahrnehmungsphänomene in Form von visuellen Halluzinationen. Dabei produziert das Gehirn ohne Auslösung durch einen physikalischen visuellen Stimulus geometrische Formen, Muster, Farben, Gesichter oder auch ganze Figuren oder traumähnliche visuelle Szenen, wobei die Art der Halluzination von der Lokalisation der Hirnschädigung in der Sehrinde abhängt. Wenn das Hirnareal, das die Farbe (grün) und Form eines Baumes neuronal kodiert und abbildet, elektrisch stimuliert oder irritiert wird (z. B. durch Sauerstoffmangel, der Spike-ähnliche Entladungen im EEG des Hinterhauptslappens auslösen kann), kann es diese Wahrnehmung auch spontan produzieren, denn echte Wahrnehmungen und Halluzinationen benutzen dieselben Hirnstrukturen [11]. Ähnliche visuelle Halluzinationen werden provoziert unter dem Einfluss von Drogen (Cannabinoide etc.) und Medikamenten (z. B. Glutamat-/NMDA-Rezeptor- oder Serotonin-Antagonisten). Verschiedene Halluzinogene wie LSD, Meskalin, Ketamin oder Haschisch, die optische Halluzinationen und keine Bewusstseinstrübungen oder Amnesien hervorrufen, können vereinzelt alle Nahtoderlebnis-Elemente bis hin zu vollständigen Nahtoderlebnis-Sequenzen hervorrufen [12]. In echten Nahtod-Situationen werden durch den Sauerstoffmangel u.a. vermehrt halluzinogen wirkende endogene NMDA-Rezeptor-Antagonisten wie das Endopsychosin gebildet, die der Glutamat-Intoxikation der Nervenzellen und damit dem neuronalen Zelltod entgegenwirken (neuroprotektiver Effekt).

 

Der unmittelbar vor dem Sehzentrum gelegene hintere Scheitel-(Parietal-)lappen ist essenziell wichtig für unsere Raumwahrnehmung, er wird im Rahmen von tiefer Meditation mit Gefühlen von Raum- und Zeitlosigkeit (wie „frei schwebend“, ähnlich Nahtoderlebnissen) inaktiviert [13]. Bei Großhirnschädigungen am Übergang zwischen Schläfen- und Scheitellappen (temporo-parietaler Übergang) traten bei Reizung durch epileptische Anfälle ähnliche Out-of-body-Erlebnisse auf wie in Nahtod-Situationen. Sie ließen sich auch durch elektrische Reizung dieser Region provozieren und wurden von O. Blanke, Genf, und anderen [14, 15] und Brandt et al. [16] sehr gut untersucht und publiziert. Ähnliche Erfahrungen werden bei epileptischen Anfällen im Schläfen-(Temporal-)lappen des Gehirns (Britton & Bootzin [17]) berichtet, beispielsweise von Dostojewski, der im Rahmen von Temporallappen-Anfällen ein „frei flottierendes, unglaubliches Glücksgefühl erlebte, von dem ein Moment ausreiche, sein ganzes Leben zu erfüllen“ [18], was stark an Nah­tod­erlebnisse erinnert. Eine in der amerikanischen Zeitschrift Neurology 2006 publizierte Studie von Nelson et al. [19] ergab, dass Nahtoderlebnisse nach kritischen Situationen nur von solchen Patienten berichtet wurden, die im Wachzustand und auch in oberflächlichen Schlafstadien im EEG mit Schlaf­ableitung REM-Intrusionen aufwiesen, das sind kurze Phasen von Traumschlaf, der an den dabei auftretenden schnellen Augenbewegungen (rapid eye movements=REM) zu erkennen ist. Hier scheint eine erniedrigte Schwelle zu REM-Schlaf-ähnlichen traumartigen Erlebnissen vorzuliegen, die offenbar Voraussetzung für die Entwicklung von Nahtod-Erlebnissen ist.

 

 

Fazit

 

Es gibt eine Fülle von neurobiologischen und neurologischen Erklärungen für die verschiedenen, im Rahmen von Nahtoderlebnissen berichteten Phänomene, sei es unter Sauerstoff-Mangel des Gehirns oder nach vorübergehendem Kreislaufstillstand, sei es in Narkose oder nach Blutdruck-Abfall. Dass diese Erlebnisse für die betroffenen Menschen sehr prägend sind und zu transzendentalen Erfahrungen Anlass geben, wurde vielfältig dokumentiert. Die Frage nach dem Jenseits bzw. nach der Unsterblichkeit der menschlichen Seele und einem Leben nach dem biologischen Tod lässt sich jedoch damit nicht beantworten, da sie naturwissenschaftlichen Methoden nicht zugänglich ist. Sie entspringt einer tiefen menschlichen Sehnsucht nach Transzendenz, Glück und der Beziehung zu einem persönlichen Gott und bleibt immer eine Glaubensfrage, wie Jesus Christus der um ihren Bruder trauernden Martha verheißen hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du dies?“ (Johannes 11, 25).  

 

 

Literatur beim Verfasser oder beim Verlag

 

    Autor:

     

     

    Prof. Dr. med. Wolfgang Heide

    wolfgang.heide@akh-celle.de

     

     
     
     

     

     

    aus connexi  3-2018

    Neurologie, Neurointensivmedizin, Psychiatrie

    Kongressberichte - DGN und DGPPN 2017, ANIM und AAN 2018

     

     

     
     
    Titelbild
    Copyright:  Alexey Kashpersky (Ukraine), Fotolia® yodiyim
    Gestaltung: Jens Vogelsang, Aachen

     

     

     

     

     
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