Wie die Kardiologie unser Leben verlängert

Wie die Kardiologie unser Leben verlängert

 

Dass die Lebenserwartung in Deutschland weiter ansteigt und aktuell bei neugeborenen Jungen ca. 78 Jahre und bei neugeborenen Mädchen ca. 83 Jahre beträgt, dafür seien maßgeblich auch die diagnostischen und therapeutischen Fortschritte in der modernen Herzmedizin mitverantwortlich“, sagte Prof. Dr. Hugo Katus, Kardiologe aus Heidelberg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) anlässlich der 84. Jahrestagung der DGK im April 2018 in Mannheim.

 

Unter anderem verringerte sich gegenüber dem Beginn der 1990er-Jahre bis zum Jahr 2015 die Herzinfarkt-Sterbeziffer in Deutschland bei Männern um 67,6 % und bei Frauen um 57,3 %. Im Jahr 1990 verstarben hierzulande noch 85.625 Menschen an einem Herzinfarkt, 2015 waren es 49.210. Dennoch sind Herzkrankheiten in Deutschland noch immer die Todesursache Nummer Eins.

 

Eine Ursache der hohen Sterblichkeit sei, dass der nach wie vor verbreitete, von Übergewicht, Bewegungsarmut und Rauchen geprägte Lebensstil viele Fortschritte der Kardiologie wieder neutralisiere. Kritisch zu sehen sei auch, dass häufig Risikofaktoren wie erhöhter Blutdruck, ungünstige Cholesterinwerte und hohe Blutzuckerspiegel zu lange unerkannt bleiben, weil viele Menschen sich nicht untersuchen lassen.

 

Herzinsuffizienz: Sinkende Sterblichkeit trotz steigender Fallzahlen

 

Laut Daten des Deutschen Herzberichts 2017 war die Herzinsuffizienz 2016 in Deutschland die häufigste Hauptdiagnose der in einem Krankenhaus vollstationär behandelten Patienten. Stationäre Krankenhauseinweisungen von Patienten mit Herzinsuffizienz sind im Jahr 2016 mit 518 pro 100.000 Einwohner gegenüber dem Jahr 2015 um 2 % angestiegen. Der Wert bei Frauen lag 2016 mit 525 über jenem der Männer (506). Von 1995 auf 2016 verdoppelte sich die vollstationäre Hospitalisationsrate bei Herzinsuffizienz. „Die vermuteten Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig: zunehmendes Lebensalter, längeres Leben mit der kardialen Grunderkrankung und wirksamere Behandlungsmöglichkeiten“, sagt Prof. Katus. „Viele Patienten überleben heute andere Herzkrankheiten, leben deshalb länger und bekommen in einer späteren Lebensphase eine Herzinsuffizienz.“ So ist die Zahl der Gestorbenen mit Todesursache Herzinsuffizienz in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gefallen: Von 65.377 im Jahr 1990 auf 47.414 im Jahr 2015. Dass sie zuletzt von 44.551 (2014) auf 47.414 (2015) wieder etwas angestiegen ist, hat als eine mögliche Ursache die älter werdende Gesellschaft, so Prof. Katus.

 

Grundlagenforschung wieder GROSS schreiben

 

„Da wir Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer besser in den Griff bekommen, entsteht in der Öffentlichkeit und bei politischen Entscheidungsträgern der Eindruck, dass in diesem Bereich bereits alles geklärt sei“, glaubt Prof. Dr. Thomas Eschenhagen aus Hamburg, Tagungspräsident der 84. Jahres­tagung der DGK. Dabei werde gerne vergessen, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen zählen. Zudem steige, im Gegensatz zu Krebs, die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit dem Alter kontinuierlich an, auch die Risikofaktoren Diabetes und Übergewicht nähmen weltweit nach wie vor zu. „Außerdem verstehen wir nach wie vor nicht alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen gut“, so Eschenhagen. Der Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie sowie Klinische Pharmakologie spricht sich dafür aus, die Grundlagenforschung weiter intensiv zu fördern.

 

Im Bereich der personalisierten Medizin bestehe die Hoffnung, durch die Auswertung großer Datenmengen (Big Data) individuelle Charakteristika frühzeitig erkennen und dadurch Krankheiten auch individuell therapieren zu können. „Beispielhaft stehen dafür die angeborenen Herzkrankheiten“, so Prof. Eschenhagen. Wenn etwa schon früh festgestellt werden kann, ob jemand an einer hypertrophen oder einer dilatativen Kardiomyopathie leidet, so könnte man auch schon frühzeitig in die eine oder andere Richtung behandeln. Prof. Eschenhagen: „Wir könnten uns vom jetzt vorherrschenden ‚One-for-all-Prinzip‘ verabschieden, das in der Regel erst viel später mit der Therapie einsetzt.“

 

Der rasche Fortschritt bei Genom-Editing-Technologien bietet eine neue Plattform für Behandlungsmöglichkeiten verschiedenster kardiologischer Erkrankungen. Die Genschere CRISPR/Cas9, die die Gentechnik schon jetzt revolutioniert hat, ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Instrument geworden. Das CRISPR/Cas9-System ist dabei äußerst effizient, einfach zu konfigurieren, hochspezifisch und gut geeignet für die Hochdurchsatz- und Multiplex-Genbearbeitung bei unterschiedliche Anwendungen. Mit Genom-Editierung kann man heute mit hoher Präzision und Effektivität Gensequenzen manipulieren und möglicherweise auch angeborene Gendefekte – etwa Kardiomyopathien – behandeln und zu einer definitiven Gentherapie kommen.

 

Hoffnung auf echte Erneuerung der Herzmuskelfunktion

 

Ein großes Thema der Kardiologie, bleibe die Regeneration des Herzmuskels. Jede Herzmuskelzelle, die im Laufe des Lebens vereinzelt oder bei Herzinfarkten in großer Zahl stirbt, ist definitiv verloren. Daher arbeitet die Forschung intensiv an Methoden, die sehr niedrige natürliche Regenerationsrate, die weniger als 1 % pro Jahr beträgt, zu stimulieren oder aus Stammzellen neue Herzmuskelzellen zu gewinnen und diese als Zellsuspension oder als Herzmuskelflicken in geschädigte Herzen einzubringen. Nach den eher enttäuschenden Ergebnissen der Knochenmarkzelltherapie gibt es hier zum Beispiel mit den pluripotenten Stammzellen neue berechtigte Hoffnung auf echte Erneuerung der Herzmuskelfunktion.  

 

Redaktion: Rüdiger Zart

 

 

Referenzen
  1. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/273406/umfrage/entwicklung-der-lebenserwartung-bei-geburt--in-deutschland-nach-geschlecht/
  2. Deutscher Herzbericht 2017

 

 

Quellen:
  1. Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK)
  2. Pressekonferenzen „84. Jahrestagung der DGK“ im April 2018 in Mannheim

 

 

 

 

 

aus connexi  4-2018

DGK 2018

Joint Symposium Collaborative Research Center SFB 688 & Comperehensive Heart Failure Center Würzburg 2017

Symposium Prävention der Herzinsuffizienz und ihrer Komplikationen 2017

Kongressberichte

 

 
 

 

Titelbild
Copyright: David Lohr/Laura Schreiber (DZHI, Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg)
Gestaltung: Jens Vogelsang, Aachen

 

 

 

 

 
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