(UM)-Denken erwünscht

Deutscher Schmerzkongress 2016

 

Die Kongresspräsidenten Prof. Dr. Esther Pogatzki-Zahn von der Deutschen Schmerzgesellschaft und Prof. Dr. Dr. Stefan Evers 2016 von der Deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft hatten für den Deutschen Schmerzkongress 2016 ein provokantes Motto gewählt: (Um-)Denken erwünscht. Aus dem Alltag heraus ist es oft nicht einfach zu erkennen, wann und ob ein Umdenken notwendig ist. Umdenken ist anstrengend, erfordert Flexibilität und meist auch ein selbstkritisches Hinterfragen des eigenen Tuns.

 

„Wir wollten uns auf dem Deutschen Schmerzkongress insbesondere um solche Aspekte der Schmerzmedizin kümmern, bei denen wir in eine Sackgasse geraten sein könnten, bei denen therapeutische Erfolge ausbleiben oder bei denen wir schlicht an die Grenzen unseres Wissens gekommen sind.“ Mit rund 60 wissenschaftlichen Symposien, darunter Pflegesymposien und Dutzende Kurse und Seminare, deckte der Deutsche Schmerzkongress vom 19. bis 22. Oktober 2016 in Mannheim das gesamte Themenspektrum der Schmerzdiagnostik und -therapie ab und mehr als 2500 Teilnehmer – Mediziner verschiedener Fachgebiete, Psychologen, Pflegende, Physiotherapeuten und andere – waren gekommen.

 

 

Das Problem der Versorgung

 

Seit über 30 Jahren werden der Schmerzmedizin in Deutschland nicht nur von Patientenseite massive Versorgungsdefizite attestiert. Dennoch lassen sich nach wie vor keine gesicherten Aussagen aus epidemiologischen Studien über die Prävalenz und die Versorgung verschiedener Schmerzsyndrome für Deutschland treffen. Die verfügbaren Zahlen divergieren weit. Nach der europäischen Studie Pain in Europe 2005 leiden 17 % der Bevölkerung in Deutschland an chronischen Schmerzen. Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft sind 8–16 Millionen Menschen in Deutschland von chronischen Schmerzen betroffen. Häuser et al. [2] beziffern 2014 anhand einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe die leidenden Menschen auf 23 Millionen und auf 2,2 Millionen Deutsche mit chronischen, beeinträchtigenden, nichttumorbedingten Schmerzen und assoziierten psychischen Beeinträchtigungen. Nach Aussagen des Nationalen Versorgungforum Schmerz benötigen etwa 2,8 Millionen schwerstbetroffener Patienten dringend eine spezielle schmerzmedizinische Behandlung, demgegenüber stünden 400 Ärzte, die Schmerzpatienten in Vollzeit versorgen. Nötig wären für eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung, wie sie u. a. 2014 der 117. Deutsche Ärztetag per Beschluss gefordert hatte, mindestens 10.000 spezialisierte Ärzte [3].

 

Betrachtet man die Struktur der schmerzmedizinischen Versorgung, so ergibt sich ebenfalls ein völlig uneinheitliches Bild: Fachgebietsspezifische Praxen, Schmerzpraxen, Schmerzzentren und Schmerzambulanzen wie auch teil- und vollstationäre schmerztherapeutische Einrichtungen sind in Deutschland keine klar definierten Strukturen. Hinter ihnen könne sich sowohl ein monodisziplinärer Zugang als auch ein multidisziplinärer und multimodaler Zugang zu Schmerzdiagnostik und Schmerzmedizin verbergen [4].

 

 

Chronische Schmerzen durch frühe Therapie verhindern

 

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass viele Patienten eine Odyssee durch das Gesundheitssystem durchlaufen, ohne dass eine gezielte, umfassende Therapie eingeleitet werden kann. Für Prof. Dr. med. Michael Schafer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V., ist aber gerade das Vermeiden chronischer Schmerzen durch eine frühzeitige und fachgerechte Versorgung eine der großen Herausforderungen in der Schmerzmedizin. Damit Schmerzexperten zusammen mit dem Patienten früh eine umfassende Schmerztherapie starten könnten, müssten auf drei Ebenen Änderungen stattfinden, so der Mediziner. „Effektives Schmerzmanagement gelingt nur, wenn zwischen Klinik, Haus- und Fachärzten ein enger Austausch besteht, wenn das Thema Schmerz ein zentrales Thema in der Medizinerausbildung wird und wenn die Weiterbildungsangebote für alle an der Schmerzbehandlung Beteiligten verbessert werden“, so Präsident Schäfer.

 

Chronifizierungsanzeichen bei Akut-Schmerzpatienten werden oftmals nicht erkannt, gab Professor Pogatzki-Zahn zu bedenken. „Risikopatienten für eine Chronifizierung müssen frühzeitig bei Auftreten bestimmter Risikofaktoren, sogenannten yellow flags, „herausgefischt“ werden. Bei Patienten mit Rückenschmerzen gehören dazu beispielsweise psychische Faktoren wie Depressivität oder berufliche Faktoren wie körperliche Schwerarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes“, so die Expertin. Der Erfolg – also das Vermeiden der Chronifizierung – sei davon abhängig, wie früh eine effektive Therapie eingeleitet werde. Zu einem wirkungsvollen Schmerzmanagement gehöre heutzutage weit mehr als eine Medikamentengabe. Durch Physiotherapie, psychologische Beratung und Entspannungstechniken kann ein interprofessionelles Team dem Risikopatienten helfen, eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern.

 

 

Herausforderung chronischer Schmerz

 

Chronischer Schmerz in Deutschland ist ein schnell wachsendes, medizinisches, soziales und wirtschaftliches Problem. In den letzten 10 Jahren habe sich, so Professor Schäfer,  der Anteil der Bevölkerung mit chronischen Schmerzen nahezu verdoppelt. Davon seien besonders die Über-65-Jährigen betroffen. Die demoskopische Entwicklung der Bevölkerung prognostiziere einerseits eine deutliche Abnahme der arbeitstätigen Jahrgänge, andererseits eine Verdopplung der über 80-Jährigen auf ca. neun Millionen Bürger im Jahre 2060. Gleichzeitig erlebe man eine 5- bis 10-fache Zunahme der Einwanderung von Menschen mit unterschiedlichem sozio-kulturellen Hintergrund. In diesen Zeiten des mannigfaltigen Wandels könne man nicht zur gewohnten Tagesordnung bzw. zu business as ususal übergehen, sondern müsse sich den neuartigen Herausforderungen stellen und gegebenenfalls „Umdenken“.   

 

Bericht: Rüdiger Zart

 

 

Referenzen
  1. Breivik H, Collett B, Ventafridda V et al. Survey of chronic pain in Europe: prevalence, impact on daily life, and treatment. Eur J Pain 2006; 10(4): 287–333.
  2. Häuser W et al. Chronische Schmerzen, Schmerzkrankheit und Zufriedenheit der Betroffenen mit der Schmerzbehandlung in Deutschland - Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsstickprobe. Schmerz 2014; 28(5): 483–92.
  3. Dokumentation Deutscher Ärztetag. Entschließungen zum Tagungsordnungspunkt IV: Schmerzmedizinische Versorgung stärken. Dtsch Ärzteblatt 2014; 111(23–24):A-1094/B-938/C-888.
  4. Müller-Schwefe GHH, Nadstawek J, Tölle T et al. Struktur der schmerzmedizinischen Versorgung in Deutschland: Klassifikation schmerzmedizinischer Einrichtungen. Konsens der „Gemeinsamen Kommission der Fachgesellschaften und Verbände für Qualität in der Schmerzmedizin“ (Juli 2015). Online unter: http://www.dgss.org/fileadmin/pdf/pdf_2/Konsenspapier_Klassifizierung_schmerzmed._Einrichtungen_160715.pdf [Letzter Zugriff: 10.02.2017].

 

Quelle: PK Deutscher Schmerzkongress 2016 am 20. Oktober 2016 in Frankfurt am Main

 

 

 

Bildcopyright: Shutterstock® Jose Luis Calvo

 

 


 

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Copyright:   Secchi-Lecaque/Roussel-Uclaf/CNRI/SCIENCE PHOTO LIBRARY
Gestaltung:  Jens Vogelsang

 

 

 

 
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