Anmerkungen zur Diktatur der Gesundheit

Wie viel Gesundheit braucht der Mensch?

von Martin Dannecker, Berlin

Gesundheit ist ein hohes Gut. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen haben gesundheitliche Beeinträchtigungen eine existentielle Dimension, was besonders beim Vorliegen von schweren, möglicherweise sogar lebensbedrohlichen Krankheiten erkennbar wird. Zum anderen schränken schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen die Teilhabe an vielen Lebensbereichen ein. Aber Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Weder gibt es jedoch ein staatlich verbürgtes Recht auf sie noch eine Verpflichtung zur Gesunderhaltung. Jeder Mensch sollte selbst bestimmen dürfen, wie gesund sein Lebensstil sein muss, damit es ein gutes Leben ist.

Laut Definition der WHO ist Gesundheit „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“. Friedrich Nietzsche definiert Gesundheit als „dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ An seiner Definition wird erkennbar, dass die scheinbar gegensätzlichen Begriffe Gesundheit und Krankheit relationale Begriffe sind. Deshalb denken wir, wenn wir von Gesundheit sprechen, immer zugleich an Krankheit und umgekehrt.

 

Auch wenn der WHO- Gesundheitsbegriff sowohl körperliches als auch geistiges und soziales  Wohlbefinden einschließt, oder gerade deshalb, lässt sich daraus kein staatlich verbürgtes Recht auf Gesundheit ableiten. Darauf hat u.a. der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof aufmerksam gemacht. „Würde der Staat“, so schreibt er, „diesen umfassenden Gesundheitsbegriff zur Grundlage rechtlicher Anordnungen machen, bewegte er sich in Richtung Diktatur. Der Mensch dürfte auch in seinem Privatbereich nicht mehr rauchen, müsste seine Essgewohnheiten vor dem Gesetz rechtfertigen, seine Sportlichkeit täglich nachweisen, seine Intimsphäre für staatliche Kontrollen öffnen. Er wäre gehalten, gesundheitspolitische, soziale, aber auch berufliche und staatsbürgerliche Verhaltensweisen zu belegen und dem Staat ... in einer jährlichen Gesundheitserklärung zu verantworten. ... An einem solchen Gesundheitsdruck würden die Menschen leiden, an ihm erkranken, in Trauer über diese bedrückende und unterdrückende Entwicklung sterben.“ [1]

Dem Staat sind wegen der grundrechtlich geschützten individuellen Lebensführung im Hinblick auf die Beeinflussung des Gesundheitsverhaltens teilweise die Hände gebunden. Dennoch ist zu beobachten, dass er diese Beeinflussung wohlwollend an außerstaatliche Agenturen abgetreten hat. Und er mischt dabei kräftig mit. Man kann sich fragen, ob diese außerstaatlichen Agenturen, zu denen nicht zuletzt die Medizin gehört, nicht einen Gesundheitsdruck aufgebaut haben, der von den Individuen genau das verlangt, was Kirchhof als Elemente einer Diktatur der Gesundheit benannt hat.

Gesundheit und Genuss – Wechsel der Beleuchtung

Nie zuvor war die gesellschaftliche Forderung gesund zu leben lauter und nachdrücklicher zu hören, als seit etwa Mitte der 1990er Jahre. Was sich in Hinblick auf Gesundheit während dieser Zeit ereignete, lässt sich mit dem Begriff „Wechsel der Beleuchtung“ veranschaulichen. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller möchte in seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ mit diesem von Karl Marx entlehnten Begriff ausdrücken, dass vordem vertraute „Praktiken wie Alkoholtrinken, Rauchen, Fleisch essen“ [2] und was dergleichen mehr ist, gegenwärtig in einem völlig anderen Licht erscheinen. Was ehemals mit einer Aura von „Glamour, Eleganz und Lust“ umgeben gewesen sei, würde plötzlich als „eklig, gefährlich und politisch fragwürdig wahrgenommen“ [2]. Nicht, dass wir auch nicht schon vorher schon gewusst hätten, dass gewissen Genüssen wie Rauchen und Alkoholtrinken etwas Ungutes anhaftet, sei das Problem. Das Problem liege vielmehr darin, dass genau das Ungute einen Teil des Genusses ausmacht. Und dieser mit dem Unguten verbundene Genuss soll unter dem Diktat eines gesunden Lebens zum Verschwinden gebracht werden. Pfaller geht sogar so weit zu behaupten, dass die Art von Genüssen, die mit etwas Ungutem verbunden sind „die Gesamtheit dessen bilden, wofür sich überhaupt zu leben lohnt“ [2] und formuliert:

„Ohne die Verrücktheiten der Liebe; ... ohne die Unappetitlichkeiten und Schamlosigkeiten der Sexualität; ohne die Unvernunft unserer Ausgelassenheiten, Großzügigkeiten, Verschwendungen, unserer Geschenke, Feierlichkeiten, Heiterkeiten und Rauschzustände wäre unser Leben eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen und - bestenfalls – ihrer stumpfen Befriedigung; eine vorhersehbare, geistlose Angelegenheit ohne jegliche Höhepunkte, die insofern mehr Ähnlichkeit mit den Tod hätte als mit allem, was den Namen des Lebens verdient.“ [2]

Dem Leben nicht mehr Jahre, eher den Jahren mehr Leben geben

Sowohl der besonnene und eher konservative Paul Kirchhof als auch der philosophische Heißsporn Robert Pfaller thematisieren den Verlust des Lebendigen durch den Zwang zur Gesunderhaltung. Wer sich einem totalen Gesundheitszwang unterwirft und ein gutes Leben auf ein gesundes Leben reduziert und Gesundheit für das höchste Gut hält, ist krank ohne sich jedoch für krank zu halten. Dadurch, dass mit dem Versprechen auf ein gesundes Leben gleichzeitig das Versprechen auf ein langes Leben einhergeht, was sich freilich als Täuschung erweisen könnte, erhält das Leben als solches die höchste Priorität. Wenn wir uns aber nicht mehr fragen, wofür wir möglichst lange leben wollen und stattdessen nur um des Lebens willen lange leben möchten, wird Leben zu einem leeren Abstraktum. Ein gesundes Leben ist allen gegensätzlichen Behauptungen zum Trotz nicht gleichbedeutend mit einem guten Leben. Wir leben ja nicht, um gesund zu bleiben, sondern wir möchten gesund bleiben, um möglichst lange ein Leben zu führen, das sich zu leben lohnt.

Ich bin mir längst nicht mehr sicher, ob diese Verkoppelung bei denjenigen, die sich aus gesundheitlichen Gründen beständig mäßigen und sich unablässig disziplinieren mit einer Vorstellung eines Lebens, das sich zu leben lohnt, noch durchgängig gegeben ist. Denn ihnen kommt es häufig nur auf Selbstoptimierung, nicht aber auf die Beziehungen zu anderen an.

Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass jemand gesund bleiben möchte, um möglichst lang leidenschaftliche Sexualität zu haben. Diese Erwartung geht aber deshalb nicht positiv auf, weil leidenschaftliche Sexualität von einem ganzen Bündel anderer Voraussetzungen abhängt und Gesundheit kein Garant für sie ist. Zudem kann man, sofern man überhaupt dazu fähig ist, leidenschaftliche Sexualität durchaus auch dann haben, wenn man krank ist.

Auch ist das, was jeweils als gesund bzw. krankmachend gilt, keineswegs so gesichert, wie das in vielen Präventionsprogrammen vorgegeben wird. Nicht selten werden Erkenntnisse der Medizin, die von ihren methodischen Voraussetzungen her keineswegs in Stein gemeißelt werden dürften, vorschnell in Gesundheitsprogramme gegossen.

Gleichwohl entlastet die Befolgung der gesellschaftlich durchgesetzten Gesundheitsprogramme nicht nur diejenigen, die sich an sie halten, sondern auch deren soziale Umgebung. Das aber nicht nur deshalb, weil man sich durch den Verzicht auf transgene Fette und das Trinken von Bier ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein in der Überzeugung sonnen kann, etwas Gutes für seine Gesundheit zu tun, sondern vor allem deshalb, weil man sich dadurch als jemand mit einem hohen Grad von Selbstverantwortung ausweist. Deshalb geschieht es auch gar nicht so selten, dass jemand, der an einer Krankheit erkrankt, die mit falscher Ernährung in Verbindung gebracht wird, dem Verdacht ausgesetzt wird, nicht genug Verantwortung für sich selbst übernommen zu haben, weil er nicht „gesund gegessen“ hat.

In einer von restriktiven präventiven Verhaltenserwartungen durchzogenen Gesellschaft wird die Gesunderhaltung gleichsam zur zweiten Natur und die Präjudizierung nicht gesundheitskonformer Menschen macht sie zu Subjekten mit zumindest leichten Charakterdefekten.

In dieser Zuschreibung offenbart sich freilich, dass auch bei den völlig Selbstdisziplinierten und Gemäßigten noch ein Verlangen danach lebendig ist, auch mal über die Stränge zu schlagen und sich Genüssen hinzugeben, von denen sie annehmen, dass die Anderen diesen schrankenlos verfallen sind. Aber Genuss ist etwas anderes als Sucht, auch wenn die Selbstdiziplinierten – und manche Präventionsprogramme – hinter jedem Genuss die Sucht lauern sehen.

Vernunft und Genuss – ein Widerspruch?

Selbstverständlich ist es nicht falsch, sich um seine Gesundheit Gedanken zu machen und es kann durchaus vernünftig sein, sein Verhalten zu ändern. Wenn die Gesunderhaltung jedoch ganz in der Vordergrund gerückt wird und man sich selbst und anderen nicht zugestehen kann, auch manchmal nicht vernünftig zu sein, bauen sich im Individuum Spannungen auf und es droht eine Spaltung der Gesellschaft, an deren Ende die Solidarität aufgekündigt wird. Manchmal nicht vernünftig zu sein, ist ja auch keineswegs gleichbedeutend mit einer Aufkündigung von Vernunft, sondern eher ein Ausdruck eines Verhältnisses zu sich selbst, das es ermöglicht manchmal auf vernünftige Weise unvernünftig sein zu können.

Ein Beispiel: Ich trinke, wenn ich allein bin äußert selten etwas. Befinde ich mich jedoch in guter Gesellschaft, trinke ich in der Regel Wein und manchmal auch mal ein Glas zu viel. Dabei empfinde ich ein hohes Maß an Genuss. Und dieser Genuss ist, da bei diesem Alkohol im Spiel ist, von diesem nicht zu trennen. Auch dann, wenn ich mal ein Glas zu viel getrunken habe, gestehe ich mir das am Morgen danach mit schmunzelnder Nachsicht zu, ohne jedoch das geringste Verlangen nach Alkohol zu spüren. Für dieses, wenn auch kleine Glück der von Alkohol begleiteten Unterbrechung meines Alltags, würde ich mich zwar nicht hängen lassen wollen. Ich würde es aber mit Vehemenz gegen die Zumutung, darauf aus gesundheitlichen Gründen zu verzichten, verteidigen.

Das Geschäft mit der Gesundheit – Ende des Solidarsystems

Die neuesten Entwicklungen auf dem Gesundheitsmarkt sind einer breiten Öffentlichkeit durch den Versicherer Generali bekannt geworden. Generali möchte jenen Kunden bessere Konditionen anbieten, die über die Gesundheitsapp „Vitality“ ihre Fitness-Daten, ihre Ernährungsgewohnheiten und ihren Lebensstil offenbaren und dem Versicherer bereitstellen. Belohnt werden sollen die Kunden dafür mit Gutscheinen und Rabatten auf die Versicherungsbeiträge. Nach einer heftigen Diskussion, bei der es vor allem um den Datenschutz, nicht aber um das eigentliche Problem dieser gesundheitlichen Selbstvermessung ging, meldete sich am 3.2.2015 im Berliner Tagesspiegel [3] ein Vorstandsmitglied der Generali Deutschland zu Wort und verteidigt der wenig geneigten  Öffentlichkeit gegenüber die Absichten seiner Firma. „Es geht“, so meint er, „um den Anreiz, gesünder zu leben und sich Gesundheitsziele zu setzen, die man erreicht und deshalb belohnt haben möchte.“ Mit anderen Worten, geht es um den Anreiz zur Akkumulation von verzinsbarem Gesundheitskapital. Es braucht wenig Phantasie, sich auszumalen, wohin das führt, zumal immer mehr Gesundheitsplattformen auf den Markt drängen, mit denen sich sowohl die aktuelle gesundheitliche Verfassung eines Menschen als auch seine Einstellung in Bezug auf Gesundheit vermessen lassen [4]. Es führt zu nichts anderem als zu einen Kampf zwischen den Besitzern eines in bare Münze umsetzbaren Gesundheitskapitals und denen, die über ein solches Kapital, aus welchen Gründen auch immer, nicht verfügen. Dieser Kampf wird vorerst an den Rändern, unter den Mitgliedern von Privatversicherungen, ausgetragen. Aber er wird über kurz oder lang auch in die gesetzlichen Krankenversicherungen hineingetragen werden. Denn die Überzeugung, dass Menschen, die aufgrund eines vermeintlich gesunden Lebensstils weniger Kosten für die Gemeinschaft der Versicherten verursachen, auch finanziell belohnt werden müssen, ist in der gegenwärtigen Gesundheitsdebatte fest verankert. Und diese Überzeugung ist durchaus von der Art das Solidarsystem aus den Angeln zu heben.

 

Referenzen:
1. Kirchhof Paul Ein Recht auf Gesundheit? S. 43
2. Pfaller R Wofür es sich zu leben lohnt. S. Fischer 5.Auflage 2011: 15-17
3. Stefan Selke, http://www.resonanzboden.com/tag/stefanselke/
4. Tagesspiegel v. 3. 2. 2015 POSITION. „Vitality ist ein großes Gesundheitsprogramm“ Von Christoph Schmallenbach

 

 

Copyright: Ausschnitt aus Postkartenmotiv „Musik und Wein" (Muehlberg) von Verlag Mayer-Steudte

 


Autor:

 

App PHOTOSHOW

Prof. Dr. Martin Dannecker

hansmart2@t-online.de

 

 

aus connexi 2-2015

13. bis 15. März 2015 München

6. Münchner AIDS- und Hepatitis-Werkstatt

Konferenzbericht


 

 
Neueste Blog-Einträge
DocCheck Login