Aufgaben für heute und morgen

Patientenversorgung im Mittelpunkt

 

Auf dem 27. Deutschen Schmerz- und Palliativtag vom 2. bis 5. März in Frankfurt am Main sprachen sich die Delegierten der medizinischen Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) und der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga e.V. für eine bessere Versorgung schmerzerkrankter Patienten aus. Mit dem Kongressmotto „Patientenversorgung im Mittelpunkt“ unterstrichen sie die Forderung nach einer patientenorientierten Medizin, einer flächendeckenden Versorgungslandschaft und einer engen Kooperation aller dafür notwendigen Therapeuten.

 

Dreiundzwanzig Millionen Menschen in Deutschland leiden den Ergebnissen einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe zufolge an chronischen Schmerzen (tumor- und nichttumorbedingt). Bei zirka 2,8 Millionen von ihnen handelt es sich um schwerste chronische Schmerzen mit psychischen Beeinträchtigungen [1]. Viele Patienten haben eine lange Odyssee hinter sich, bevor sie Hilfe finden, sie leiden oft Jahre oder Jahrzehnte lang. „Unsere Aufgabe liegt darin, diesen Menschen zur Seite zu stehen, sie mit solidem Wissen und handwerklichem Geschick zu betreuen und sie dabei zu unterstützen, den Weg zurück ins Leben zu finden“, erklärte Privatdozent Dr. Michael A. Überall, Vizepräsident der DGS und Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V. anlässlich des 27. Schmerz- und Palliativtages in Frankfurt am Main. „Häufig fehle den Patienten die nötige Orientierung: Welcher Arzt hilft mir weiter? An wen kann ich mich wenden?“

 

Aktuelle Versorgungssituation zeigt große Lücken

 

Die Anzahl der Patienten mit chronischen Schmerzen nehme seit Jahren kontinuierlich zu, beklagte Überall. Laut dem aktuellen Barmer GEK-Report 2016 wurde im Jahr 2014 diagnoseübergreifend bei 46,2 Prozent – also knapp der Hälfte – aller Versicherten mindestens eine Diagnose mit direktem Schmerzbezug gestellt. Frauen waren mit einem Anteil von 54,8 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit einem Anteil von 37,3 Prozent. Nach Hochrechnungen der geschlechts- und altersstandardisierten Betroffenenanteile auf die deutsche Bevölkerung dürften in Deutschland im Jahr 2014 schätzungsweise 37,4 Millionen Einwohner bzw. 14,8 Millionen Männer und 22,6 Millionen Frauen von mindestens einer Diagnose mit direktem Schmerzbezug betroffen gewesen sein [2].

 

Auch wenn diese Zahlen auf Hochrechnungen beruhen, wird dennoch die Dimension klar, welche Schmerz im medizinischen Alltag einnimmt, und die Bedeutung, die der Diagnose Schmerz in der medizinischen Versorgung zukommt, oder besser zukommen müsste.

 

Eine wohnortnahe Versorgung der Schmerzpatienten stellt in der Zukunft eine der größten Herausforderungen dar. „Eine wohnortnahe Versorgung schaffen wir nur, wenn die behandelnden Ärzte, Politiker und Vertreter der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen an einem Strang ziehen“, betonte Dr. Oliver Emrich, Vizepräsident der DGS.

 

 

Multimodale Schmerztherapie nur bei einem Fünftel

 

In den letzten Jahren hat sich laut Barmer GEK-Report in der Versorgung chronischer Schmerzpatienten vieles getan, allerdings zeigt sich ein differenziertes Bild der Schmerzmedizin. So hat sich die Zahl der Patienten, die im Krankenhaus mit einer multimodalen Schmerztherapie behandelt wurden, in den Jahren 2006 bis 2014 mehr als verdoppelt. Damit sind im Jahr 2014 bei rund 61.000 Patienten chronische Schmerzen multimodal therapiert worden. Das entspricht jedoch nur einem Fünftel aller Patienten, die potenziell für eine solche Therapie geeignet wären [2].

 

Grundlage der Sicherstellung der medizinischen Versorgung ist in Deutschland jedoch die abgestufte Versorgung vom Hausarzt über den Facharzt. „Darüber hinausgehende Qualifikationen, Weiterbildungen und Zusatzbezeichnungen werden nachrangig berücksichtigt, schmerzmedizinische Kompetenzen jedoch bislang nicht“, erläuterte Emrich. „Von einer funktionierenden abgestuften Versorgung der Patienten vom Allgemeinarzt über den Facharzt bis hin zu spezialisierten Zentren und Kliniken kann keine Rede sein. Wir benötigen daher dringend eine Vereinheitlichung der Qualitätssicherungsstandards“, fordert Emrich. Noch sei ein spezielles Qualitätsmanagement für Schmerzmediziner nicht vorgeschrieben, ein Gütesiegel freiwillig. Rund 1.000 Allgemeinärzte, Anästhesisten und Orthopäden sowie einige Neurologen haben sich weiterqualifiziert, nur etwa 400 davon sind vollzeitig bzw. weit überwiegend mit chronisch Schmerzkranken beschäftigt. „Nötig sind für eine flächendeckende Versorgung hingegen mindestens 10.000 Schmerzmediziner“, ergänzte Emrich. Um zukünftig für alle Schmerzpatienten eine qualitativ hochwertige Versorgung zu erreichen, sind aus Sicht der DGS drei Ziele grundlegend:

  1. die Einführung des Facharztes für Schmerzmedizin,
  2. eine flächendeckende Umsetzung der Therapiestandards und
  3. eine flächendeckende palliativmedizinische Versorgung von Menschen in der Lebensendphase.   

 

Referenzen
  1. Häuser W, Schmutzer G, Henningsen P, Brähler E. [Chronic pain, pain disease, and satisfaction of patients with pain treatment in Germany. Results of a representative population survey]. Schmerz 2014; 28(5): 483–92.
  2. BARMER GEK Arztreport 2016. Abrufbar unter: http://presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Archiv/2016/160223-Arztreport-2016/PDF-Arztreport-2016,property=Data.pdf . [Letzter Zugriff 5. September 2016]
 
Quelle: Auftakt-Pressekonferenz 27. Deutscher Schmerz- und Palliativtag am 2. März 2016 in Frankfurt/Main.
 

 

Bericht: Rüdiger Zart, Redaktion
 

 

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Schmerz- und Palliativmedizin

Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2016 in Frankfurt am Main

Kongressbericht

 

 


Titelbild
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