Chancen und Limitationen

Die (digitale) Zukunft in der Nephrologie

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche findet aktuell für alle Menschen in Industrienationen hautnah und fassbar statt. Nahezu jeder Mensch verwendet heute Smartphones. Zahlreiche Vorgänge der Kommunikation, aber auch der Geschäftstätigkeit, erfolgen mit digitaler Unterstützung. Es ist deshalb kein Wunder, dass dies auch die Gesundheitsbranche im Gesamten und die Nephrologie im Besonderen erfasst.

 

Der digitale Gesundheitsmarkt entwickelt sich dramatisch. Während 2013 weltweit 61 Mrd. US Dollar umgesetzt wurden, werden für das Jahr 2020 233 Mrd. prognostiziert [1]. Marktforscher gehen davon aus, dass im Jahr 2015 165.000 Gesundheitsprogramme für das Smartphone vorhanden waren – „im Übrigen ein bisher völlig unkontrollierter Markt“, wie Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Stuttgart, Kongresspräsident der 8. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, betonte.

 

Telemedizin und Telemonitoring Mobile Anwendungen werden das Gesundheitswesen in den kommenden Jahren auch ganz direkt beeinflussen und die klassischen Versorgungskonzepte verändern. Während frühere telemedizinische Anwendungen von hohen Technikkosten gedrosselt wurden, führen die modernen Möglichkeiten der Applikationen für Smartphones und Tablets zu deutlich reduzierten Kosten, so dass die Vorteile der Telemedizin nun zunehmend zum Tragen kommen [2–4] und diese Techniken zur Verbesserung der Betreuung chronischer Patienten breit eingesetzt werden können.

 

Eine weitere Entwicklung werden Geräte sein, welche über technische Neuerungen über das Internet Daten austauschen (Internet der Dinge) und kommunizieren. Die Zahl der Sensoren wird weltweit von 6,5 Mrd. 2016 auf 21 Mrd. 2020 ansteigen [5]. Zukünftig werden sich auch Daten aus dem Umfeld generieren lassen. Dies kann der oft zitierte Kühlschrank sein, der automatisiert seinen Inhalt berichtet, dies kann aber auch ein Bewegungsmuster des Patienten innerhalb der Wohnung sein, seine körperlichen Aktivitäten, seine wesentlichen physiologischen Parameter und mehr.

 

Durch die zunehmende Anzahl mobiler Anwendungen, einer verbesserten Sensorik der Smartphones, auch durch die Entwicklung von Fibretronics, Kleidungsstücke mit implantierten Chips und Sensoren, wird dies ein sehr lebhaftes und offenes Feld sein und neue Standards setzen. Auch die Diagnostik wird sich teilweise in das persönliche Umfeld der Patienten verlagern (Lab-on-the-chip). Darüber hinaus ist denkbar, dass Fachkräfte unterstützt mit digitalen Systemen (wearables [z. B. google glasses]) Aufgaben übernehmen, bei denen früher der Arzt vor Ort war und bei denen er jetzt aus der Ferne zugeschaltet wird (augmented reality). Bei Patienten mit chronischen Erkrankungen könnten diese Tools ein engmaschigeres Monitoring ermöglichen.

 

 

Kommission „Digitale Nephrologie“

 

Bei all diesen möglichen Entwicklungen bedarf es einer kritischen Wertung, was dies für die Arzt-Pa­tienten-Beziehung bedeutet und ob die jeweilige Qualität der Versorgung auch gewährleistet bleibt. Die Aufgaben medizinischer Fachgesellschaften werden darin liegen, einerseits Standards zu definieren, welche die Qualität sichern und die Reliabilität der Daten gewährleisten und andererseits die Rechte der Patienten zu stärken (Datenschutz, Recht auf Privatheit etc.), da die Grenze zwischen enger Betreuung und Überwachung fließend verläuft. Des Weiteren sollten die Fachgesellschaften die Evidenzgewinnung um diese Entwicklungen auch wissenschaftlich begleiten. Die DGfN hat die Kommission „Digitale Nephrologie“ unter der Leitung von Dr. Stefan Becker, Essen, gegründet, um diesen Herausforderungen zu begegnen und die digitalen Möglichkeiten optimal auszuschöpfen.

 

 

Kann mHealth/eHealth die Dialyseheimverfahren stärken?

 

Die Heimdialyse entweder als Heim-Hämodialyse oder Peritonealdialyse sollte in den nächsten Jahren gefördert werden, da es gute Argumente dafür gibt, dass Patienten in einem Heimdialyseverfahren eine deutlich bessere Adhärenz, eine bessere Lebensqualität und – vermutlich aufgrund der höheren Kontinuität – auch eine höhere Dialyseeffizienz aufweisen. Die bisher geäußerten Bedenken gegenüber Heimdialyseverfahren wie den fehlenden Kontakt zu anderen Patienten, eine geringere ärztliche Begleitung, die Unsicherheit der Betroffenen und der Familie, die stärker mit Krankheit und Maschine konfrontiert und gelegentlich überfordert sind, und die Anforderung, einen zuverlässigen Partner zu haben, könnten durch den Einsatz neuer telemedizinischer Möglichkeiten überwunden werden. Telemedizinisch betreute Patienten haben die Sicherheit, dass sie rund um die Uhr medizinisch angebunden sind und sich das Dialysezentrum bei Auffälligkeiten mit ihnen in Verbindung setzt. Dadurch könnten Heimdialyseverfahren für viele attraktiver werden. Dies gilt insbesondere für ländliche Regionen mit langen Transportwegen und -zeiten zu geeigneten Hämodialyse-Zentren.    

 

Bericht: Rüdiger Zart, Redaktion.

 

 

Referenzen
  1. Telgheder M. Zukunft der Medizin – Doktor Digital. Handelsblatt 2016. Online unter: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/zukunft-der-medizin-doktordigital/13910444.html [Letzter Zugriff: 7. März 2017].
  2. Gallar P et al. Two-year experience with telemedicine in the follow-up of patients in home peritoneal dialysis. J Telemed Telecare 2007; 13(6): 288–92.
  3. Whitten P, Buis L. Use of telemedicine for haemodialysis: perceptions of patients and healthcare providers, and clinical effects. J Telemed Telecare 2008; 14(2): 75–8.
  4. Ong SW et al. Integrating a Smartphone-Based Self-Management System into Usual Care of Advanced CKD. Clin J Am Soc Nephrol 2016; 11(6): 1054–62.
  5. Gartner Says. 6.4 Billion Connected “Things” Will Be in Use in 2016, Up 30 Percent From 2015: Gartner 2015. Online unter: http://www.gartner.com/newsroom/id/3165317 [Letzter Zugriff: 3. März 2017].
  6.  

 

 

Quelle: Pressekonferenz zur 8. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) am 12. September 2016 in Berlin.

 

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aus connexi  3-2017

Nephrologie, Dialyse, Transplantation 2017

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