Die ambulante Infektiologie muss gestärkt werden

Interview mit Dr. Axel Baumgarten, Mitglied des dagnä-Vorstandes

 

 

Das Kapitel Gesundheitspolitik im Koalitionsvertrag ist fast abgearbeitet. Dennoch kündigen sich durch die HIV/HEP/STI-Strategie der Bundesregierung und die Digitalisierung Änderungen an. Connexi sprach mit Dr. Axel Baumgarten, Vorstand der dagnä, über die neuen Entwicklungen.

 

Herr Dr. Baumgarten, im April 2016 hat die Bundesregierung eine „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (BIS 2030)“ vorgelegt (Seite 14). Wie schätzen Sie die Strategie aus Sicht der Ärzteschaft ein?

Wir begrüßen die Strategie: HIV, Hepatitis und STI sind sehr relevante Erkrankungen. Eine politische Unterstützung und Standortbestimmung, wie sie die Bundesregierung vornimmt, ist deshalb der richtige Weg und bringt neuen Schwung. Die Herausforderungen werden klar benannt.

 

Die Strategie betont nicht zuletzt, dass die Versorgungsstrukturen bei HIV/Aids wegweisend für die Behandlung anderer Erkrankungen sind.

Nun, das stimmt ja auch: Betroffene werden in ganz Deutschland nach einheitlichen hohen Qualitätsstandards durch spezialisierte Ärzte betreut. Grundlage ist eine Qualitätssicherungsvereinbarung nach § 135 SGB V in Kombination mit dem EBM. Der Erfolg dieser ambulanten Schwerpunktbehandlung zeigt sich etwa darin, dass sich die Aids-definierenden Erkrankungen unterproportional entwickelt haben – wohingegen die Anzahl der Menschen, die mit einer HIV-Infektion in Deutschland leben, zeitgleich zugenommen hat. Die bestehenden Versorgungsstrukturen sind also medizinisch wie versorgungspolitisch state-of-the-art. Sinnvoll ist es auch, wie es die Strategie vorschlägt, einen gemeinsamen Ansatz für HIV, Hepatitis und sexuell übertragbare Infektionen (STI) zu wählen.

 

Also alles eitel Sonnenschein?

Nicht nur, ein paar Wolken sind auch am Himmel: Bei der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) hätten wir uns mehr Mut gewünscht. Und: Was bei HIV/Aids gelobt wird, gilt natürlich auch bei Hepatitis und bei den STI – ein ambulanter Schwerpunkt tut Not, um künftigen Herausforderungen wirksam zu begegnen. Hierzu zählt, dass im Jahr 2013 bereits über 50 % der Behandler über 50 Jahre alt waren. Das Berufsbild des ambulant tätigen Infektiologen muss gestärkt werden, um den Nachwuchs zu interessieren und um die Versorgung von hochkomplexen Erkrankungen nachhaltig zu gewährleisten.

 

Gibt es hier Fortschritte?

Leider nein, eher im Gegenteil. Der beste Weg wäre die rasche Schaffung eines Schwerpunktes Infektiologie, wie es europäische Normalität ist. Das deckt sich auch mit dem steigenden Bedarf, etwa bei den STI. Integrative Strukturen, die Prävention, Diagnostik und Behandlung an einem Ort zusammenfassen und bedarfsgerechte Angebote vorhalten, müssen forciert werden. Die Strategie gibt hier Rückendeckung, wir wollen sie jetzt durch konkrete Projekte mit Leben füllen, brauchen aber eben auch bundes- wie standespolitische Unterstützung.

Bei dem Aufregerthema 2015/2016, der Migrationskrise, scheint Entspannung einzukehren. Wie sehen Sie die Entwicklung? Ich will betonen, dass keine erhöhte Infektionsgefährdung der Allgemeinbevölkerung durch Flüchtlinge besteht. Punktuell gibt es aber gestiegenen Bedarf: Bei der Tuberkulose (Tbc) etwa zeigt sich ein deutlicher Trend mit steigenden Infektionszahlen. Die regionale Herangehensweise ist sehr gemischt. Erste Analysen zeigen jedoch, dass positive Screening-Befunde nicht immer zu den dann indizierten Folgemaßnahmen führen und dass entsprechende Verfahren zur Versorgung fehlen.

 

Welchen Beitrag könnten die Infektiologen denn leisten?

Die beste Antwort auf Infektionskrankheiten sind ein rascher Therapiebeginn und wirksame Infektionsschutzmaßnahmen durch Spezialisten. Wir schlagen ein 3-Stufen-Modell vor: Untersuchungen auf HIV, Virushepatitiden, Tbc und Impfung nach Empfehlung des Robert Koch-Institutes. Bei Vorliegen einer Indikation ein rascher Einbezug von Infektiologen als Honorarärzte und, nicht unwichtig, es müssen Sprachmittler zur Verfügung gestellt werden. Leider ist die politische Resonanz bisher noch verhalten. Wir stehen aber mit unserer Expertise für Kommunen bereit. Gerade die derzeitige Phase der Entspannung kann genutzt werden, um unter Zeitdruck aufgebaute medizinische Strukturen sinnvoll zu ergänzen.

 

Schauen wir auf die Gesundheitspolitik. Die Bundestagswahl wirft ihre Schatten voraus – was steht auf dem Wunschzettel für die Versorgung?

PrEP, Stärkung des ambulanten Infektiologen, einige wichtige Punkte wurden ja bereits genannt, an denen gearbeitet werden muss – wie im Übrigen die Gemeinsame Selbstverwaltung ja auch im Wahljahr keine Pause einlegt, Stichwort EBM-Novelle und ASV-Konkretisierung. Um im Bild des Wetters zu bleiben: Da darf kein Gewitter aufziehen, sonst haben wir ein echtes Problem. Die ASV ist eine Chance, für die flächendeckende Regelversorgung ist aber der EBM unverzichtbar. Es ist gut, dass mittlerweile ein breiter politischer Konsens bei HIV /Aids in Deutschland besteht und wir unaufgeregt über eine moderne Prävention und Versorgung sprechen können. Das bleibt hoffentlich auch nach der Bundestagswahl so. Dann muss wohl auch noch einmal über das Thema Wirtschaftlichkeit gesprochen werden: Verbesserte Information über die frühe Nutzenbewertung ist gut. Solange die Frage aber ungeklärt bleibt, ob der vereinbarte Erstattungspreis in Gänze wirtschaftlich ist, führen bessere Arztinformation und gleichzeitige Vertraulichkeit wohl kaum zu mehr Verordnungssicherheit.

 

Telemedizin wird gerade breit diskutiert – auch bei HIV/Aids eine sinnvolle Herangehensweise?

Nun, Grundlage der HIV-Behandlung ist ein engmaschiges, persönliches Arzt-Patienten-Verhältnis mit hoher Kontaktfrequenz. Dabei wäre auch der Einsatz von Telemedizin eine Option. Es kann aber nur um eine Optimierung der Versorgung gehen, nicht um einen Wegfall des persönlichen Kontaktes. Ich denke im Bereich Arzt-Patient z. B. an Befundbesprechung und -übermittlung, Adhärenzkontrolle oder Präventionsberatung. Im Bereich Arzt-Arzt wäre eine konsiliarische Beratung etwa von Hausärzten, Mitbehandlern und Pflegeheimen möglich. Zugleich warne ich vor zu großen Erwartungen: Der Aufwand des Arzt-Patienten-Kontaktes verringert sich durch telemedizinische Maßnahmen absehbar nicht. Anamnese und klinische Untersuchung des Patienten können nicht telemedizinisch durchgeführt werden.

 

Kann die geplante Kooperation der dagnä mit der CompuGroup hier helfen?

Nein – soll sie in diesem Punkt aber auch nicht. Wir wollen vielmehr die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um Menschen, die dringend einen HIV-Spezialisten aufsuchen möchten, noch besser in die ambulante Schwerpunktbehandlung zu bringen. Bereits jetzt nutzen Betroffene die dagnä-Website zur Suche des nächstgelegenen HIV-Schwerpunkt­arztes intensiv. Dies wollen wir verbinden mit der Möglichkeit, direkt online Termine zu vereinbaren. Mit der CompuGroup als großem Anbieter von Arztinformationssystemen wollen wir ein Modellprojekt auf den Weg bringen. Am 1. Januar 2017 soll es losgehen. Herr Dr. Baumgarten, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Dr. Axel Baumgarten ist Mitglied des dagnä-Vorstandes.

 

 

Bildcopyright: Shutterstock® kurhan

Im Interview:

 

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Dr. med. Axel Baumgarten

baumgarten@dagnae.de

 

 

aus connexi  10-2016

8. bis 10. September 2016 in Köln

26. dagnä-Workshop 2016

Kongressbericht

 

 

 
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