Die neue HIV/Hepatitis/STI-Strategie der Bundesregierung

Gesundheitspolitik unter der Lupe

von Robin Rüsenberg

 

Im April 2016 beschloss das Bundeskabinett die „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI)“. Wie der Vorstoß der Bundesregierung konkret gelebt werden kann, diskutierten Experten aus Politik, Selbsthilfe und Ärzteschaft auf dem dagnä-Workshop in Köln.

 

 

Leitgedanken: bedarfsorientiert, integriert und sektorübergreifend

 

Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2030 HIV, Hepatitis und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) nachhaltig und erfolgreich eindämmen. „Unsere erfolgreiche Präventionsarbeit und eine hochwertige Behandlung haben dazu geführt, dass Deutschland zu den Ländern mit den niedrigsten HIV-Neuinfektionsraten in Europa gehört“, betonte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bei der Präsentation der Strategie im Frühjahr 2016. Die aktuellen Zahlen zeigten aber auch, dass die Anstrengungen nicht nachlassen dürfen. Dabei sei es wichtig, alle sexuell und durch Blut übertragbaren Krankheiten in den Blick zu nehmen.

 

Die neue Strategie der Bundesregierung ist eminent wichtig, da es sich bei HIV, Hepatitis und STI um alles andere als medizinische Nischenthemen handelt. Bei allem im Bereich HIV/Aids Erreichten gibt es aber keinen Grund, sich zurückzulehnen: Vielmehr ist ein gemeinsamer Ansatz notwendig, der vor allem bei STI Prävention, Diagnostik und Behandlung integriert. Zu diesem Ergebnis kam die Diskussionsrunde aus Politik, Selbsthilfe und Ärzteschaft um Ines Perea, Elfi Scho-Antwerpes und Axel Baumgarten zum Thema „Unter der Lupe: Neue HIV/Hepatitis/STI-Strategie der Bundesregierung“. Offene Fragen existieren aber bei der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) als neuer HIV-Prävention.

 

 

Ärzteschaft, Selbsthilfe und Kommunen gefordert

 

Als zuständige Referatsleiterin „Strategie der HIV/Aids-Bekämpfung“ im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) führte Ines Perea in die Grundzüge der Strategie ein. Es handele sich um eine langfristige politische Verpflichtung. Sie hob den Erfolg früherer, noch rein auf HIV bezogener Strategien des Ministeriums hervor, so dass „heute ein gutes Versorgungsnetz für Menschen mit HIV besteht, das wegweisend für die Behandlung anderer Erkrankungen war und ist“. Zukünftig werde es aber noch mehr auf integrierte Präventions-, Test- und Versorgungsangebote ankommen, so Perea: „Es müssen dem Lebensalter und den Lebensumständen entsprechende Impf-, Präventions-, Diagnostik- und Behandlungsmaßnahmen bereitstehen, und die Versorgung betroffener Menschen im Alter muss gesichert sein.“ Dabei sei nicht zuletzt die Ärzteschaft gefordert. Die Bundestagsabgeordnete und Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes begrüßte als langjähriges Vorstandsmitglied der Kölner Aidshilfe die Initiative der Bundesregierung und betonte: „Die Aidshilfen haben einiges dazu beigetragen, dass wir in der Präventionsarbeit vor Ort bereits viel Schwung haben.“ Die Kölner Aids-Hilfe etwa engagiert sich sehr erfolgreich in Checkpoint-Projekten mit niedrigschwelligen Angeboten für Testung und Prävention. Zielgruppe seien vor allem Menschen, die „sonst kaum erreicht werden: Stricher, Drogengebraucher, neuerdings Geflüchtete“. Mit Ärzten werde gut zusammengearbeitet: „Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen“. Zugleich nahm Scho-Antwerpes als Kölner Bürgermeisterin die Kommunen in die Pflicht: „Damit Checkpoint-Projekte breitflächig ein Erfolg sein können, ist ein Umdenken notwendig.“ Dies gelte auch für den öffentlichen Gesundheitsdienst.

 

 

Integrativer Ansatz notwendig

 

Über das Lob in der Strategie der Bundesregierung in Bezug auf die Qualität der HIV-Versorgung in Deutschland freute sich dagnä-Vorstand Axel Baumgarten. Es gebe aber immer noch Herausforderungen: „Während bei HIV/Aids eine ambulante Schwerpunktbildung bereits seit Jahren sehr positive Ergebnisse zeigt, existiert in den Strukturen bei der Versorgung von Menschen mit Hepatitis und STI Aufholbedarf“. Er sprach sich für einen „großen Schritt nach vorne“ aus: „Ein gemeinsamer Ansatz für HIV, Hepatitis und STI ist der richtige Weg. Das bedeutet aber auch, den ambulanten Infektiologen zu stärken, um künftigen Herausforderungen wirksam zu begegnen“. Ein Blick ins Ausland sei hilfreich – sowohl für die Stellung der Infektiologie wie auch für sinnvolle Netzwerkstrukturen wie die Londoner Dean Street.

 

Zukünftig werden integrierte und niedrigschwellige Angebote, die Prävention und Versorgung zu bündeln, immer wichtiger. In diesem Punkt war sich die Runde einig. Elfi Scho-Antwerpes kommentierte: „Wir können uns solche Kooperationen von Selbsthilfe und Ärzten sehr gut vorstellen – eigentlich muss dieser Ansatz bundesweit eingeführt werden“. Das BMG fördert deshalb in den nächsten drei Jahren die wissenschaftliche Begleitung des Walk in Ruhr (WIR)-Zentrums in Bochum. Der dort gewählte Ansatz sei eine Möglichkeit der Kooperation unter einem Dach, so Ines Perea. Möglich sei grundsätzlich eine Vielzahl an „passgenauen regionalen Angeboten“. Am Beispiel von Berlin skizzierte Axel Baumgarten ein STI-Konzept, das Prävention, Testung und Behandlung verzahnt: „Eine solche, auch räumlich enge Struktur von Infektiologen, Psychologen und Selbsthilfe ist gerade in einem Hotspot wie Berlin überfällig“.

 

 

Chancen und Hürden der PrEP

 

Über den Wert der PrEP als neuer HIV-Präventionsmethode erlaubt sich die HIV/Hepatitis/STI-Strategie der Bundesregierung kein abschließendes Urteil. An dieser Stelle zeigten sich in der Diskussion dann auch verschiedene Sichtweisen: „Wir müssen bei der PrEP dringend handeln“, forderte Elfi Scho-Antwerpes. Axel Baumgarten pflichtete ihr bei und warnte vor einem entstehenden Schwarzmarkt sowie unkontrollierbarem Wildwuchs. Die Chancen der PrEP sah auch Ines Perea, wies zugleich aber auf rechtliche Hürden bei der Implementierung und offene Fragen der Finanzierung hin – diese seien schwierig zu lösen. Dazu Elfi Scho-Antwerpes: „Wir müssen noch dicke Bretter bohren“.   

 

 

Bild Copyright: Shutterstock® Christian Delbert, Fotolia® SG-Design

 


Autor:

 

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Robin Rüsenberg, Berlin

ruesenberg@dagnae.de

 

 
 
 

 

aus connexi  10-2016

Aids und Hepatitis

13. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin, KIT 2016 in Würzburg

26. dagnä-Workshop 2016 in Köln

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