Ein Anblick, zwei Ansichten

von Michael Kaplan, Edinburgh

 

Lesen Sie hier die jüngste Geschichte aus unserer Reihe The Story Behind®:

 

 

Die beiden Männer am Nebentisch waren offensichtlich Freunde – aber unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Der eine war dürr und knochig und wirkte etwas unbeholfen. Seine Augen waren versteckt hinter funkelnden Brillengläsern, und er fuchtelte beim Sprechen heftig mit den Händen. Der andere Mann war rund und gemütlich, und er sprach langsam, so als wolle er das Sprechen genießen wie gutes Essen und guten Wein. Ich versuchte, die Berufe der beiden Männer zu erraten: Der rundliche Mann, so dachte ich, hatte vermutlich etwas mit Finanzen zu tun, während sein Freund ganz klar aus dem akademischen Bereich kam – vielleicht ein Professor.

 

Der Professor war mit Feuereifer mitten in der Debatte. „Was heißt denn hier ‚Tragödie‘? Die Medien benutzen das Wort ‚tragisch‘ total inflationär. Wenn ich schon ‚tragischer Unfall‘ höre! Mit der eigentlichen Bedeutung von Tragik hat das doch nichts zu tun. Tragik heißt, dass etwas unabwendbar geschieht, weil unser Charakter unser Schicksal bestimmt. Unfälle – die passieren einfach so.“

 

Er lehnte sich ein bisschen vor, als er zum eigentlichen Punkt kam. „Aber Krankheiten können im ursprünglichen Sinn tragisch sein. Viele unserer Krankheiten entstehen deswegen, weil wir eine bestimmte Wahl getroffen haben, wie wir unser Leben führen wollen. Denk nur mal an die viralen Pandemien, HIV und HCV. Die sind nur deswegen zu Pandemien geworden, weil sich unser Verhalten geändert hat. Und weißt du was: Als Wissenschaftler muss ich wirklich bewundern, wie effektiv die Viren diese Gelegenheit genutzt haben. Die natürliche Selektion findet erstaunliche Wege bei der Replikation, bei den Ansteckungswegen, bei der Art, wie sich die Erreger vor dem Immunsystem verstecken, und so weiter und so fort. Diese Viren sind praktisch die perfekten Parasiten. Schade, dass Menschen darunter so leiden müssen, aber als Mechanismus ist das doch phantastisch!“ Sein Freund schmunzelte. „Bravo! Sehr provokativ!  Aber die Krankheiten können sich ja nicht ungebremst ausbreiten. Ich kann dir ein Beispiel nennen für ein anderes Wesen, das ebenfalls mutiert und sich repliziert, das in unserer Gesellschaft überlebt und mit den Viren in direktem Wettbewerb steht. Es erlegt uns ebenfalls Lasten auf, und manche beschreiben es als Parasiten, aber es könnte in der Lage sein, das, was du als Tragödie bezeichnest, in eine Geschichte mit ‚Happy End‘ zu verwandeln.“ Ich legte meine Hand hinters Ohr, um besser zu hören – 

 

 

Was würde er jetzt beschreiben?

  1.  eine Abstraktion
  2.  einen Mikroorganismus oder
  3.  ein Genom?

 

 

 

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Bild Copyright: Fotolia® Elnur

 


Autor:

 

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Michael Kaplan

m.s.e.kaplan@btinternet.com

 

 
 

 

aus connexi  10-2017

AIDS und Hepatitis

Kongressbericht

 


 

 
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