Ein Bild ersetzt tausend Worte

Gelbe Karte für die Politik

von Rüdiger Zart, Redaktion

 

Das Präsidentensymposium des Deutschen Schmerzkongresses 2014 in Hamburg widmete sich mit der „Ökonomisierung ärztlichen Handelns“ einem besonders brisanten Thema und endete in einer bemerkenswerten Aktion. Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und Pflegefachkräfte zeigen der Politik die „Gelbe Karte“ und warnten eindringlich vor den Folgen einer ökonomisierten Medizin.

 

Um die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems aufrechtzuerhalten und die Kosten für medizinische Leistungen vergleichbar und kontrollierbar zu machen, wurde die Medizin in den letzten Jahren zunehmend ökonomisiert. Die Privatisierung vieler Kliniken und der Verdrängungswettbewerb zwischen den Krankenhäusern wirkt dabei wie ein Katalysator. Immer häufiger geraten besonders Ärzte seitdem in Situationen, in denen ökonomische Vorgaben und ureigene ärztliche Entscheidungen miteinander konkurrieren. Professor Giovanni Maio, einer der führenden Medizinethiker unserer Zeit, und Priv.-Doz. Dr. med. Rolf Malessa, einer der beiden Präsidenten des Kongresses, analysierten u. a. die Frage: Handelt es sich hier lediglich um Einzelfälle oder um ein Massenphänomen, das bereits heute das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis und die Qualität der Patientenversorgung ernsthaft bedroht?

Aberziehung ärztlicher Tugenden

Nachdem Professor Maio die Konsequenzen einer ökonomisierten Medizin mit beeindruckenden Worten als systematische Aberziehung ärztlicher Tugenden entlarvte, wurde Malessa in seinen Ausführungen ungewöhnlich deutlich: Gerade in der Schmerzmedizin offenbare sich exemplarisch die ganze Misere, weil hier chronisch kranke Patienten mit hohem Leidensdruck häufig eine Unzahl von diagnostischen und therapeutischen „abrechenbaren medizinischen Leistungen“ erhielten, oft ohne vorausgehende gründliche körperliche Untersuchung und ausführliche Beratung. „Viele dieser medizinischen Leistungen bilden sich finanziell deutlich besser ab, als die ausführliche Anamnese und gründliche Untersuchung! Kein Wunder, dass sich in den Akten vieler Patienten trotz jahrelanger Odyssee zwar unzählige Röntgenaufnahmen, Labor- und Messwerte finden, aber nur selten gut dokumentierte körperliche Untersuchungsergebnisse und begründete differenzialdiagnostische Überlegungen“, führte der Kongresspräsident weiter aus. Die Folge seien häufig auch Operationen, zum Teil sogar mehrfach hintereinander, trotz fragwürdiger Indikation.

Die Indikationsstellung für eine Operation ist relativ häufig eine Ermessensentscheidung, zumal sich Indikationsstellungen für ein und dieselbe Operation in unterschiedlichen Fachgebieten z. T. unterscheiden. „Ist es da ein Wunder, dass bei zunehmendem ökonomischem Druck auf die Krankenhäuser und Fachabteilungen der Ermessensspielraum auch genutzt wird?“, fragte Malessa. Nach Studienergebnissen der OECD und der Bertelsmannstiftung finden sich in Deutschland in Abhängigkeit von Regionen und Städten Häufigkeitsunterschiede in Höhe von 800 % für Mandeloperationen, ähnlich große Unterschiede gibt es bei Blinddarm- oder Prostata-Operationen. Laut dem AOK-Krankenhaus-Report 2013 habe sich die Anzahl der Wirbelsäulenoperationen innerhalb von fünf Jahren verdoppelt. Auch für künstliche Kniegelenke, Kaiserschnitte und Gebärmutterentfernungen unterscheiden sich die Operationshäufigkeiten zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache. „Rein medizinisch sind solche Entwicklungen nicht zu erklären! Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle, als nur die medizinischen“, folgerte Malessa. Die ökonomisierte Medizin manipuliere aber nicht nur Chirurgen, sondern alle Ärzte. Und dies geschehe so langsam, systematisch und mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass man als betroffener Arzt dies kaum noch als unzulässige Grenzüberschreitung wahrnehme.“ – „Die Verantwortung, die wir mit der Rolle als Arzt für unsere Patienten übernommen haben, ist unteilbar“, so der Kongresspräsident, und weiter: „Gleichzeitig sollten wir uns aber auch bewusst machen, dass unsere ärztlichen Entscheidungen inzwischen von so vielen Vorgaben, Zwängen und subtilen ökonomischen Einflussfaktoren mitbestimmt werden, dass die Wahrnehmung dieser unteilbaren Verantwortung immer schwieriger wird, und, wenn wir ganz ehrlich sind, z. T. nur noch eingeschränkt möglich ist.“

Jagd nach Gewinnmargen

Die Jagd nach Gewinnmargen und der politische Wille, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland zu reduzieren, treiben alle Krankenhausträger in einen hohen ökonomischen Konkurrenzdruck, - eine Spirale die für viele weitere Krankenhäuser noch das Ende bedeuten wird und auch soll. Der neue Krankenhaus Rating Report 2014 belegt, dass im Jahr 2012 40 % der Krankenhäuser einen Jahresverlust geschrieben haben. Im Jahr 2010 waren es noch 16 %.

 

Verantwortlich dafür sei nicht zuletzt eine Gesundheitspolitik, die bis heute eine zunehmende Ökonomisierung der Medizin zulässt, ohne gleichzeitig dafür zu sorgen, dass grundsätzlich Eingriffe in die Patientenversorgung nur unter direkter ärztlicher Verantwortung oder gewichtigem ärztlichen Mitbestimmungsrecht erfolgen dürfen. Malessa warb dafür, den Patienten und der gesamten Bevölkerung diese unangenehmen und durchaus selbstkritischen Wahrheiten offen mitzuteilen, auch und gerade, um zu belegen, dass Ärzte das in sie gesetzte Vertrauen tatsächlich verdienen. Seiner Aufforderung, als Ausdruck dessen, der Politik die „Gelbe Karte“ zu zeigen, folgte das Auditorium mit überwältigender Mehrheit über alle Fachgrenzen hinweg. Weit mehr als 500 persönlich von Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und Pflegefachkräfte unterschriebene „Gelbe Karten“ lagen am Ende des Symposiums für eine spätere Übergabe an Gesundheitsminister Gröhe bereit.

 

Quelle:
„Präsidentensymposium: Ein Kongress will Zeichen setzen!“ am 24. Oktober 2014 anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2014 in Hamburg. Veranstalter: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.

 


Bericht: Rüdiger Zart, Redaktion

 

aus connexi  1-2015

22. bis 24. Oktober 2014 Hamburg

Deutscher Schmerzkongress

Kongressbericht

 
 
 
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