High-Tech-Medizin: Neue Chancen in der Kardiologie

Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Andreas Zeiher

 

Herr Professor Zeiher, der diesjährige DGK-Kongress in Mannheim stand unter dem Motto „High-Tech-Medizin“. In vielen Bereichen der Kardiologie hat sich ja in den letzten Jahren in dieser Richtung viel getan, sowohl in der interventionellen Kardiologie als auch in der Arzneimittelentwicklung.

 

Welche neuen Entwicklungen sind aus Ihrer Sicht besonders spannend?

Im Bereich der interventionellen Kardiologie hat sicherlich die Behandlung struktureller Herzerkrankungen einen Erdrutsch ausgelöst. Dazu gehört die kathetergestützte Implantation von Aortenklappen, die bei Patienten mit höherem Risiko für eine Operation am offenen Herzen bereits jetzt eine etablierte Behandlungs-Alternative geworden ist. Aber auch Interventionen an der Mitralklappe schreiten aufgrund der technischen Verbesserungen durch Miniaturisierung der Instrumente und verbesserte intra-prozedurale Bildgebung (4D-Echo) rasant voran. Es ist absehbar, dass weitere Verfahren (Reshaping dilatierter Ventrikel, kathetergestützte Anlage von Mitralklappen-Chordae etc.) in absehbarer Zeit das therapeutische Armamentarium für unsere Patienten erweitern werden. Desgleichen werden im herzchirurgischen Bereich die Herz-Unterstützungssysteme (‚assist devices‘) immer patientenfreundlicher und mittlerweile für ausgewählte Patienten als sog. Destination-Therapie als endgültige Behandlungsmaßnahme eingesetzt. Im Bereich der Rhythmologie stellen die kabel­losen Schrittmacher eine absolute Innovation dar. Die Ablation von Herzrhythmusstörungen hat durch Einsatz hochkomplexer Computerverfahren zur Visualisierung der Entstehungsorte von Herzrhythmusstörungen ebenfalls eine höhere Effektivität erfahren. Schließlich macht die Telemedizin derzeit Quantensprünge, insbesondere auch durch die kontinuierliche Erfassung kardialer Leistungsparameter unter häuslichen Bedingungen, die eine optimierte Therapiesteuerung ermöglicht (CardioMEMS etc.).

 

In der Arzneimittelentwicklung sind insbesondere zwei Innovationen zu erwähnen: zum einen die Zulassung eines kombinierten Angiotensin-Rezeptor-Blocker/Neprilysin-Inhibitors (Entresto), der einen über 20 Jahre festen Bestandteil der Herzinsuffizienz-Behandlung, die ACE-Hemmer, in der Therapie der symptomatischen Herzinsuffizienz ablösen wird. Zum anderen die Zulassung von sog. PCSK9-Inhibitoren (Repatha; Praluent), die über ein völlig neues Wirkprinzip eine dramatische Senkung der Cholesterin-Werte erzielen und damit erstmals eine effiziente Behandlung von Patienten mit genetisch bedingter familiärer Hypercholesterinämie ermöglichen, aber auch Patienten mit Statin-Unverträglichkeit eine Behandlungsoption bieten.

 

Eine sinnvolle, an den Bedarf angepasste Ressourcenverteilung dürfte in unserem Wohlstandsstaat möglich sein.

 

„High Tech“ ist in unseren Köpfen automatisch ja auch immer verknüpft mit „High Cost“. Wo sehen Sie Probleme der High-Tech-Medizin im Kontext unseres Gesundheitssystems?

Sicherlich können wir nicht Innovationen um jeden Preis einführen. Allerdings dürfte eine sinnvolle und an den Bedarf angepasste Ressourcenverteilung in unserem Wohlstandsstaat durchaus möglich sein. Gleichzeitig muss uns bewusst sein, dass medizinischer Fortschritt chronische Leiden schafft, auf die wir uns einstellen müssen.

 

Werden in Zukunft vermehrt Kosteneffektivitätsstudien durchgeführt werden müssen – und was bedeutet das für Patienten, die „nicht mehr warten können“?

Mit Sicherheit werden Kosteneffektivitätsstudien mehr in den Vordergrund rücken. Die Politik trägt hierzu auch bei durch die Einführung des sog. Innovationsfonds, aus dem derartige Projekte zumindest teilfinanziert werden. Es wird aber neben den Kostenträgern auch Aufgabe der medizintechnischen und Pharma-Industrie sein, sich an der Durchführung derartiger Effektivitätsstudien aus gesundheitspolitischen und ressourcenbezogenen Gründen zu beteiligen. Ich persönlich sehe dies aber optimistisch, da unsere Gesellschaft mitbestimmt, welche Gesundheitsstandards und Therapieverfahren wir uns leisten werden und sie auch einsetzen. Aus diesem Grunde glaube ich nicht, dass wir bedürftige Menschen hinsichtlich Gesundheitsversorgung ‚zurücklassen‘ werden.

 

Wo sehen Sie eventuelle Risiken der High-Tech-Medizin?

Eine große Herausforderung ist sicherlich die Umsetzung eines autonomen Gesundheitsmanagements. Wir sind aufgefordert, unsere Patienten vor Datenmissbrauch zu schützen, da die technischen computerbasierten Verfahren eine umfassende Datenspeicherung ermöglichen und damit einen ‚gläsernen Patienten‘ schaffen. Auch wissen wir nicht derzeit, ob uns ‚big data‘ auch gesünder machen. Als Folge der ‚big data‘ Modellierung von Krankheiten werden wir uns der Frage stellen müssen, ob Lebensschutz Vorrang vor Datenschutz hat. Insgesamt rücken somit zunehmend ethische Entscheidungen in unser ärztliches Alltagshandeln ein. Dazu gehören auch sogenannte ‚end-of-life‘-Entscheidungen und Abbau von Innovationsangst bei betroffenen Patienten.

 

Es muss uns bewusst sein, dass medizinischer Fortschritt chronische­ Leiden schafft, auf die wir uns einstellen müssen.

 

Sehen Sie Erfolge in der Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen?

Eindeutig ja. Wenn man sich vor Augen hält, dass fast 70 % der gewonnen acht Jahre an mittlerer Lebenserwartung in den vergangenen beiden Dekaden auf eine verbesserte Herz-Kreislauf-Medizin zurückzuführen sind, und davon wiederum die Hälfte (also ca. drei Jahre längere Lebenserwartung) einer besseren Prävention zuzuschreiben sind, dann ist das eine Erfolgsgeschichte für sich.

 

Wir hören ja seit Jahrzehnten immer wieder, man könne durch Änderungen des Lebensstils diese Krankheiten verhindern. Gehen den Kardiologen in absehbarer Zeit die Patienten aus, wenn nur noch normalgewichtige, körperlich fitte Nichtraucher in Deutschland leben?

Nein, natürlich gehen uns Kardiologen die Patienten nicht aus. Die Schwerpunkte mögen sich verschieben, aber Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind klassische Alterserkrankungen. Mit besserer Behandlung und intensiverer Prävention verschieben wir die Erkrankungen in ein höheres Lebensalter, aber immer noch verstirbt jeder zweite Mensch in Industrienationen an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, und das wird in den kommenden Jahren nicht anders werden.

 

Wir sind aufgefordert, unsere Patienten vor Datenmissbrauch zu schützen.

 

Ist das Geld für die entsprechenden Kampagnen aus Ihrer Sicht schlecht investiert, weil Menschen „nicht hören wollen, sondern fühlen müssen“?

Nein, Prävention ist unverzichtbar, und dieses Geld ist gut investiert, da dadurch auch die Morbidität verringert wird, was mittelfristig zur Entlastung des Gesundheitsbudgets führt.

 

Und schließlich: Was hat Sie auf dem DKG-Kongress 2016 besonders beeindruckt?

Besonders beeindruckt hat mich der gewaltige Ansturm an Teilnehmern. Es war der größte Kongress der DGK überhaupt. Folge davon war, dass die Vortragssäle prall gefüllt waren und in der Poster- und Industrie-Ausstellung ein regelrechter Besucheransturm herrschte, der zu ausgiebigen und intensiven Erfahrungsaustauschen führte. Letztlich ist die Interaktion von Grundlagenwissenschaftlern, Klinikern, niedergelassenen Kollegen und Kolleginnen, Pharma- und Medizin-Technik-Industrie und Kostenträgern im Gesundheitswesen ein wesentliches Ziel eines derart großen Kongresses, da hierdurch die Herz-Kreislauf-Medizin vorangebracht wird, auch und nicht zuletzt im Sinne unserer Patienten. Dass dieses Forum in Mannheim so gut angenommen wurde, hat mich persönlich natürlich als Kongresspräsident sehr gefreut.  

 

Das Gespräch führte Dr. med. Friederike Günther.

 

 

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Im Interview:

 

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Prof. Dr. med. Andreas Zeiher

zeiher@em.uni-frankfurt.de

 

 

Die Fragen stellte Dr. med. Friederike Günther.

 

 


aus connexi  7-2016

30. März bis 2. April 2016 Mannheim

82. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie 2016

Kongressbericht

 

 
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