Präventiv, Personalisiert, Präzise, Partizipativ

Innovative Krebsmedizin für den individuellen Patienten

 

 

Experten aus Medizin, Politik, Industrie und Gesundheitswesen diskutierten auf dem größten und ältesten deutschen Kongress zum Thema Krebsdiagnostik und Krebstherapie die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Krebsmedizin und aktuelle gesundheitspolitische Aspekte der Krebsversorgung in Deutschland. Der Kongress unter der Leitung der Kongresspräsidentin Prof. Dr. Angelika Eggert stand unter dem Motto „Krebsmedizin heute: präventiv, personalisiert, präzise, partizipativ“.

 

Mit dem Kongressmotto griffen die Kongress­organisatoren die Leitgedanken der P4-Medizin des US-amerikanischen Mediziners und Biologen Leroy Hood auf.

 

Hood, ein Pionier der biomedizinischen Forschung auf dem Feld der automatisierten DNA-Sequenzierung und Mitbegründer des ersten Instituts für Systembiologie in Seattle, USA, erkannte früh, dass sich mit dem Übergang vom Industrie- ins Informationszeitalter in den 1980er Jahren und dem sich parallel vollziehenden Eintritt der Medizin in ihr molekulares Zeitalter die große Chance eröffnete, auch die Grundorientierung in der Medizin noch einmal vollkommen neu zu entwickeln. Weg von einer historisch eher rückwirkend wirksamen, relativ grob gezielten und vornehmlich auf ein Kollektiv ausgerichteten Heilkunde, hin zu einer modernen präzisen, individualisierten und antizipativen Medizin. Auch wurde in den Zeiten des Internets mit all den frei zugänglichen medizinischen Informationen die traditionell geprägte und stark asymmetrisch ausgerichtete Arzt-Patient-Beziehung zum Auslaufmodell.

 

„Der paternalistisch handelnde Arzt hält den heutigen Herausforderungen nicht mehr stand“, befand der Präsident der Deutschen Krebshilfe Dr. Fritz Pleitgen. „Die Patienten wollen aktiv zu einer Verbesserung des Krankheitsverlaufes beitragen und mitentscheiden“, so Pleitgen. Gemeinsame Entscheidungsfindung findet in der Krebsmedizin noch wenig statt und bedarf vermehrter Förderung. Paradigmenwechsel in der Krebsmedizin

 

„Wir haben das Motto der P4-Medizin ausgewählt und wie einen roten Faden in das wissenschaftliche Programm eingewoben, weil uns dieses moderne Konzept die große Chance bietet, uns im Sinne des Patienten von einer eher reaktiven zu einer proaktiven Medizin hin zu bewegen“, führte die Kongresspräsidentin Professor Angelika Eggert im Rahmen der Auftaktpressekonferenz aus. „Die Entwicklung und Anwendung einer personalisierten Medizin im Sinne der P4-Medizin wäre der Anfang eines grundlegenden Wandels in der Versorgung krebskranker Menschen.“ Zu den Kerngedanken der P4-Medizin gehöre, Krankheiten wirksam vorzubeugen, mittels fortschrittlicher Methoden präzise Diagnosen zu stellen und innovative, individuell auf den Patienten abgestimmte Therapien zu entwickeln. Der Patient selbst soll dabei Teil des Behandlungsteams sein und aktiv an seiner Genesung mitwirken.“

 

 

Lebenszeitgewinn durch individualisierte Therapie

 

Personalisierte Medizin steht unter anderem für all jene Therapieansätze, die auf das molekulare genomische Profil eines Tumors abgestimmt sind und gezielt fehlerhafte Signalwege in der jeweiligen Krebszelle hemmen. Tumorwachstum könne so verlangsamt und in einigen Fällen sogar bereits – zumindest eine Zeitlang – komplett unterbunden werden, wie Professor Dr. Wolff Schmiegel, in seinem Statement als Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft darlegte. Zusätzlich können auf biomedizinischer Ebene individuelle Erkrankungsrisiken durch diagnostische Tests ermittelt, klinisch relevante Patientengruppen definiert und die geeigneten nebenwirkungsarmen Therapien ausgewählt werden. Krebs werde damit immer mehr zu einer chronischen Erkrankung, mit der die Betroffenen über Jahre leben können. Bereits heute können die neuen präzisen und individualisierten Therapieansätze die Überlebenszeiten bei vielen Tumorarten deutlich verlängern, auch wenn häufig eine Heilung noch nicht erreicht werden kann.

 

„Die aktuellen Erfolge demonstrieren“, so Professor Schmiegel, „dass die Entwicklung hin zu einer individuellen, die molekulargenetischen Besonderheiten des jeweiligen Tumors adressierenden Therapie richtungsweisend ist. Davon zeugen zahlreiche Beispiele: Mit den sogenannten EGFR- oder ALK-Inhibitoren können beispielweise bei fortgeschrittenen, nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinomen mit der „passenden“ Treibermutation im EGFR- oder ALK-Gen Tumorkontrollraten von über 90 % erreicht werden. Für die Patienten, die zuvor nur eine Überlebensprognose von wenigen Wochen hatten, kann das einen mittleren Lebenszeitgewinn von drei Jahren bedeuten. Ähnlich erfolgreich sind BRAF-Inhibitoren in der Therapie von Melanomen mit einer BRAF-Mutation sowie die Anti-EGFR-Inhibitoren bei Darmkrebspatienten, bei denen die RAS-Protoonkogene im Tumor nicht als Mutanten vorliegen.“

 

Es beginnt schon bei der Diagnose

 

Die Hoffnungen, die wir alle in die personalisierte Medizin setzen, seien also durchaus gerechtfertigt. Der Experte mahnte aber auch: „Um dieses Potenzial zu nutzen, müssen die gesundheitspolitischen Weichen richtig gestellt werden.“ Grundlage für eine maßgeschneiderte Krebsmedizin sei die möglichst präzise Bestimmung der genetischen und molekularen Signatur der Tumorzelle. Die Kostenerstattung dieser innovativen genetischen Tests sei aber oft nicht klar geregelt und schließe Experten von der Durchführung aus. Das führe dazu, dass die Möglichkeiten der molekularen Analysen nicht voll ausgeschöpft würden. „Wir verschenken wertvolle Chancen für unsere Patienten“, stellte Schmiegel fest.

 

 

Was bringt die Zukunft?

 

Auch für die kommenden Jahre ist zu erwarten, dass das stetig wachsende Wissen über die molekulare Krankheitsentstehung und die Entwicklung präziser, personalisierter Therapiestrategien bei vielen Krebserkrankungen zu einer verbesserten Lebensqualität und einem verlängerten Überleben beitragen werden. Gleichzeitig wird die Zahl der Krebserkrankungen weltweit ansteigen. Für Deutschland erwarten die Epidemiologen des Robert Koch-Instituts rund eine halbe Million neue Krebserkrankungen in 2016, etwa 220.000 werden an den Krankheitsfolgen sterben.  

Noch fehlen die plausiblen Konzepte, die einen Ausgleich schaffen könnten zwischen dem wissenschaftlich-medizinischen Fortschritt, einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung, einer gerechten Verteilung von medizinischen Ressourcen und der langfristigen Finanzierbarkeit der Gesundheitssysteme. Die Diskussion über die Finanzierbarkeit einer modernen Krebsmedizin darf dabei keinesfalls den Kostenträgern allein überlassen werden. Eine wesentliche Voraussetzung für tragfähige Lösungen sei ein intensiver Dialog zwischen allen beteiligten Gruppen, betonte Professor Schmiegel. Nur wenn sich aus dem Nebeneinander ein Miteinander entwickelt, werden sich relevante weitere Fortschritte für die Patienten erzielen lassen.

 

 

Bericht: Rüdiger Zart, Redaktion

 

 

Quelle: PK zum 32. Deutschen Krebskongress 2016 am 24.02.2016 in Berlin.

 

 

Copyright:  Agentur FOCUS® Steve Gschmeissner/Science Photo Library

 


 

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aus connexi  6-2016

24. bis 27. Februar 2016 in Berlin

32. Deutscher Krebskongress 2016

Kongressbericht

 

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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