Psyche - Mensch - Gesellschaft

DGPPN-Kongress 2016

 

Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen gehören heute in Deutschland zu den größten medizinischen Herausforderungen. Jeder dritte Erwachsene ist im Verlauf eines Jahres betroffen. Der Hilfebedarf steigt. In nicht unerheblichem Maße sind dafür gesellschaftliche, soziale und politische Entwicklungen mit der Folge sich verändernder Lebensbedingungen mit völlig neuen Risikofaktoren für die psychische Gesundheit verantwortlich. Das Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie muss darauf reagieren. Vor dem Hintergrund dieser komplexen Wechselwirkungen diente der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) 2016 in Berlin für die mehr als 9.000 Teilnehmer neben der wissenschaftlichen Fortbildung auch als Standortbestimmung des Fachgebietes.

 

Europas größter Fachkongress auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit fand vom 23. bis 26. November 2016 unter der Präsidentschaft von Dr. Iris Hauth, bis zum Jahreswechsel Präsidentin der DGPPN*, im CityCube Berlin statt. Im Mittelpunkt der mehr als 600 Einzelveranstaltungen standen insbesondere Themen, mit denen sich das Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie aktuell auseinanderzusetzen hat: Neue, mit den modernen Lebensumständen verbundene Risikofaktoren − Stichwort Digitalisierung, (gerechte) Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen bei wachsendem Hilfebedarf sowie Behandlungsangebote für Flüchtlinge und Migranten.

 

Hochkarätige Keynote Speaker aus dem In- und Ausland, interdisziplinäre Symposien, interaktive Diskussionsforen und interessante Rahmenveranstaltungen beleuchteten diese Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

 

 

Durchtrainiert, selbstoptimiert und ständig online – wenn der moderne Lifestyle uns krank macht

 

Bei zunehmend auftretenden Krankheitsbildern wie Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen kommt Stress als Risikofaktor eine zentrale Rolle zu. Chronischer Stress kann die Anfälligkeit für eine psychische Erkrankung erhöhen, erläuterte Dr. Hauth in der Kongress-Pressekonferenz. Wie keine andere medizinische Disziplin müsse das Fach Psychiatrie und Psychotherapie deshalb Entwicklungen und Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt mit einbeziehen. Gleichzeitig sei auch die Politik gefordert: Sie müsse mit neuen präventiven Ansätzen auf diese Situation reagieren und das Bewusstsein in der Bevölkerung für die psychische Gesundheit stärken, mahnte die Kongresspräsidentin an.

 

Zu den gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte zählt auch der Wandel in den Einstellungen gegenüber dem eigenen Körper, wie Prof. Dr. Ulrich Voderholzer, Prien am Chiemsee, verdeutlichte. Bei vielen Menschen zeigen sich Leistungsdruck und Perfektionismus auch durch Streben nach einem perfekten Körper. Dies betreffe in besonderem Maße junge Menschen, deren Selbstbild noch nicht stabil ist. Unerreichbare Schönheitsideale können bei jungen Frauen und Männern zu Körperbildstörungen führen, die mit Risiken für die psychische Gesundheit verbunden sind. „Unsere Aufgabe als Ärzte und Therapeuten muss daher sein, auf die Risiken einer übertriebenen Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper hinzuweisen“, betonte Voderholzer.

 

Das Thema digitale Medien fokussierte Prof. Dr. Falk Kiefer, Mannheim. Studien haben gezeigt, dass die exzessive Internetnutzung mit einer mangelnden Entwicklung von Empathie und sozialen Kompetenzen bis hin zur Vereinsamung einhergehen kann. Auch bestehe die Gefahr, den Konsum ab einem bestimmten Punkt nicht mehr kontrollieren zu können. Daneben deuten erste Studien auf einen Zusammenhang zwischen dem Phänomen des Media-Multitaskings, inkl. Nutzung von sozialen Netzwerken, Shopping- sowie Pornographieportalen, und der Entwicklung kognitiver Defizite sowie stress-bezogener psychischer Erkrankungen hin. Hier sehen die Psychiater ein großes Potenzial, für die Entwicklung neuer präventiver und therapeutischer Ansätze.

 

In Deutschland nutzen ca. 3 bis 5 % der berufstätigen Bevölkerung Medikamente zum Hirndoping – mit steigender Tendenz, berichtete Prof. Dr. Claus Normann, Freiburg im Breisgau. Unter Studierenden dürften die Zahlen noch höher liegen. Das sogenannte Neuro- Enhancement werde phasenweise zur Vorbereitung auf Prüfungen oder bei anstrengenden Projekten eingesetzt, aber auch überraschend häufig von Berufstätigen mit einfachen Tätigkeiten. Ob Medikamente wie Modafinil, Methylphenidat oder Antidepressiva wirklich zu einer Leistungssteigerung führen, ist wissenschaftlich umstritten. Ebenso sind mögliche Nebenwirkungen oder die Suchtgefahr unklar, betonte Normann. Unter ethischen und gesellschaftlichen Aspekten bestehe angesichts vieler offener Fragen in Bezug auf Hirndoping immenser Diskussionsbedarf zu vielschichtigen Fragen − „Liegt es nicht in der Verantwortung jedes Einzelnen, mit seinem Körper und mit seinem Gehirn zu machen, was er will? Ist Hirndoping nicht genauso unfair wie Doping im Sport? Werden Menschen dazu gezwungen, Neuro-Enhancer einzunehmen, wenn ihre Kollegen es tun und sie sonst nicht mithalten können? Werden unhaltbare Arbeitsbedingungen durch Hirndoping pharmakologisch zementiert?“ sind nur einige wenige Beispiele.

 

 

Neuer Teilhabekompass vorgestellt

Aus gegebenem Anlass standen im Fokus des DGPPN-Kongresses 2016 auch neue Ansätze in der Versorgung und Teilhabe von psychisch erkrankten Menschen. Psychische Leiden gehören heute zu den häufigsten Gründen für Krankschreibungen und frühzeitige Berentungen. Trotzdem sei das Versorgungs- und Rehabilitationssystem in Deutschland noch nicht so aufgestellt, wie es für die Betroffenen notwendig wäre, und so haben Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in Deutschland oftmals große Schwierigkeiten, auf dem ersten Arbeitsmarkt un­terzukommen, konstatierte Iris Hauth in ihrer Eröffnungsrede. „Vielerorts sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz viel zu lange. In der ambulanten Versorgung entspricht die Bedarfsplanung nicht dem tatsächlichen Hilfebedarf. Zudem werden die Leistungen der niedergelassenen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie nur ungenügend vergütet. Die stationäre Versorgung steht mit der Einführung des PsychVVGs vor umfassenden Neuerungen, doch zentrale Fragen wie die der Personalausstattung an den Kliniken sind noch ungeklärt.“

 

Die Herausforderungen in der Versorgung setzen sich im Bereich der beruflichen Rehabilitation fort. Die Angebote zur beruflichen Rehabilitation kommen nicht ausreichend bei den Betroffenen an. „Das System ist ausgesprochen kompliziert und unübersichtlich. Es basiert auf unterschiedlichen Sozialgesetzbüchern und ist stark zergliedert. Vor allem an der Schnittstelle zwischen Akutbehandlung und Rehabilitation fehlen einfach umsetzbare Möglichkeiten zur Steuerung. Die Folgen: zu wenig Effektivität bei der Wiedereingliederung in die soziale Gemeinschaft“, so Dr. Iris Hauth weiter.

 

Hier setzt der neue Teilhabekompass der DGPPN an, der sich an alle Ärzte und Therapeuten richtet, die erwachsene Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen behandeln. Er bietet erstmals einen Überblick über regelfinanzierte Leistungsanbieter und Maßnahmen nach dem neunten Sozialgesetzbuch. Praktische Fallbeispiele erleichtern die Orien­tierung. Der Teilhabekompass steht als Broschüre zur Verfügung, zusätzlich wurde auf www.teilhabekompass.de ein neues Internetportal aufgebaut.

 

 

Psychiatrieforschung: Neue Ansätze mit großem Potenzial

In Bezug auf die Rahmenbedingungen für die Forschung zur Prävention, Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen sieht die DGPPN in Deutschland dringenden Handlungsbedarf. Damit die Patienten schnell von den auf dem DGPPN- Kongress vorgestellten wissenschaftlichen und methodischen Innovationen profitieren können, müssten die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen und die Erkenntnisse schnell in die klinische Praxis transferiert werden, so der Tenor der Experten. „Neue mathematische Methoden erlauben es zum Beispiel, die Einschätzung des Krankheitsbildes durch Eindrücke und Beobachtungen der Therapeuten mit Verhaltensanalysen zu ergänzen: Auf diesem Weg lassen sich etwa Verhaltensmuster identifizieren, welche bei der Entwicklung und beim Fortbestehen von Suchterkrankungen eine wichtige Rolle spielen“, erklärte DGPPN-Vorstandsmitglied und neuer President Elect der DGPPN Professor Dr. Dr. Andreas Heinz von der Charité in Berlin.

 

Die Weiterentwicklung von Verhaltensanalysen ist nur einer von vielen Ansätzen in der Psy­chiatrieforschung. Vielversprechend sind auch die aktuellen Erkenntnisse im Bereich der Biomarker und der strukturellen Bildgebung, welche das Potenzial besitzen, das Verständnis und die Vorhersagbarkeit psychischer Erkrankungen entscheidend zu verbessern.

 

Aber Psychiatrieforschung findet nicht nur im Labor statt. Immer stärker steht auch die Befindlichkeit der Betroffenen in der realen Lebenswelt und im Langzeitverlauf im Fokus. „Hierzu eröffnen sich neue und vielversprechende Möglichkeiten – zum Beispiel durch die Tatsache, dass inzwischen nahezu jeder Patient ein Smartphone besitzt, über das sich seine emotionale und kognitive Befindlichkeit messen lässt“, so Professor Heinz abschließend.

 

Doch damit die beeindruckenden Fortschritte auch bei den Patienten ankommen, braucht es Jahre intensiver und kontinuierlicher Forschung. In Deutschland haben sich leistungsfähige Forschungsnetzwerke gebildet, die durch den Bund gefördert werden. „Ein Problem dieser Netzwerkförderung ist jedoch die kurze Zeitdauer. Die durch die Netzwerke erarbeiteten Ergebnisse, Kompetenzen und Strukturen verschwinden wieder und müssen bei jeder neuen Förderung erst mühsam wieder aufgebaut werden“, stellte DGPPN-Vorstandsmitglied Professor Dr. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim fest. Aus Sicht der DGPPN seien deshalb in der Forschungsförderung dringend neue Ansätze notwendig. „Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) hat die Bundesregierung ein Instrument geschaffen, das sich zur strukturellen Förderung auch im Bereich der psychischen Gesundheit eignet. Leider gehörte die Psychiatrie und Psychotherapie in der gegenwärtigen Förderperiode nicht zu den Themenfeldern. Hier muss die Regierung in der nächsten Phase der Förderung unbedingt eine Kurskorrektur vornehmen und ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen (DZP) als vernetzte Struktur mehrerer Standorte einrichten“, fordert Professor Meyer-Lindenberg.

 

Neues Handbuch

Anlässlich ihres Jahreskongresses in Berlin hat die DGPPN ein neues Handbuch zur Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland herausgegeben: Psyche Mensch Gesellschaft verortet das Fach und dessen Aufgabengebiet im Gesundheitswesen und in der Gesellschaft und forciert die Debatte über die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in Politik und Öffentlichkeit.    

 

 

 

Hrsg.: Iris Hauth, Peter Falkai, Arno Deister

Psyche Mensch Gesellschaft

Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland: Forschung, Versorgung, Teilhabe

1. Auflage, 228 Seiten

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

ISBN: 978-3-95466-285-2

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Bericht: Elke Klug, Redaktion

 

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