Schmerzmedizin zukunftsfähig machen

 

Schmerzmedizin - dem Leben Zukunft geben

Unter dem Motto „Schmerzmedizin – dem Leben Zukunft geben“ fand vom 4. bis 7. März 2015 in Frankfurt am Main der 26. Deutsche Schmerz- und Palliativtag statt. An drei Tagen nutzten etwa 2.500 Teilnehmer die Gelegenheit sich in zahlreichen Kursen, Symposien und Workshops über innovative Behandlungskonzepte und neueste Erkenntnisse aus der translationalen Forschung und deren klinische Anwendung zu informieren.

„Effektive Schmerzmedizin ist kein Luxusartikel, sondern eine zwingende Notwendigkeit in einer modernen Industriegesellschaft, und zwar sowohl unter ethischen als auch unter juristischen und ökonomischen Gesichtspunkten“, sagte Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) zum Auftakt des Schmerz- und Palliativtages. Doch die Situation in Deutschland sieht anders aus: Aktuelle epidemiologische Untersuchungen gehen von 23 Millionen Schmerzpatienten aus, von denen wiederum 2,2 Millionen unter schwersten chronischen Schmerzen mit psychischen Beeinträchtigungen leiden. Dieser hohen Patientenzahl stehen lediglich 1.066 ambulant tätige Vertragsärzte gegenüber, die an der Schmerztherapie-Vereinbarung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) teilnehmen und von denen nur 381 ausschließlich Schmerzpatienten betreuen. „Damit kann eine effektive Schmerzmedizin nicht sichergestellt werden. Wir fordern daher dringend die Bedarfsplanung für Schmerzmedizin in Deutschland“, so Müller-Schwefe. Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen orientiert sich jedoch jeweils an den Facharztgruppen. Die DGS fordert deshalb einen Facharzt für Schmerzmedizin als Querschnittsfach mit Ausbildungsinhalten aus Orthopädie, Psychologie und Anästhesiologie.

 

Müller-Schwefe betonte, dass eine adäquate Versorgung von Schmerzpatienten nicht zuletzt auch ökonomisch ist. So habe beispielsweise das integrierte Versorgungskonzept Rückenschmerzen der DGS mit der Techniker Krankenkasse gezeigt, dass über die Frühintervention nicht nur Operationen vermieden werden, sondern es auch zu signifikant weniger Frühberentungen und einer geringeren Anzahl an Arbeitsunfähigkeitstagen kommt. Damit könne die gesamte Versorgung aus der Einsparung von Arbeitsunfähigkeitstagen finanziert werden, bei gleichzeitig besserer Lebensqualität der Patienten, schlussfolgerte Müller-Schwefe.

 

Lebenshilfe - Sterbehilfe

 

Ein weiteres hochaktuelles Thema des Kongresses war die Auseinandersetzung mit dem ärztlich assistierten Suizid. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin vertritt den Standpunkt, dass eine effektive Umsetzung schmerzmedizinischer und palliativmedizinischer Optionen den assistierten Suizid überflüssig mache. Eine Diskussionsrunde am Freitag, den 6. März, unter anderem mit Dr. Nikolaus Schneider (S. 28ff), dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Eugen Brysch (S. 26f), dem Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Dortmund, und Thomas Sitte (S. 32f), Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung, Fulda, widmete sich den unterschiedlichen Aspekten dieses brisanten Themas.

 

Medikamentenabhängigkeit bei Schmerzpatienten

 

Abrechnungsdaten zufolge ist die Anzahl der Opioidverordnungen in Deutschland im letzten Jahrzehnt deutlich angestiegen. Konzentrierte sich die Verordnung von Opioiden ursprünglich vor allem auf Tumorpatienten, werden sie nun überwiegend bei Patienten mit chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (CNTS) eingesetzt. 2010 waren bereits 77 % der Opioidempfänger CNTS-Patienten. Vor diesem Hintergrund mehren sich die Hinweise auf eine Zunahme von Missbrauch und Medikamentenabhängigkeit von Opioiden bei Schmerzpatienten. Der Kongress nahm sich des Themas an: „Machen Opioide süchtig?“ lautete die Auftaktfrage des Symposiums „Schmerzmedizin und Suchtmedizin – zwei Welten?“. Besteht bei einem Patienten ein Abhängigkeitssyndrom gibt es zwei Therapieoptionen: eine Entzugsbehandlung unter ambulanten oder stationären Bedingungen, oder eine Substitutionstherapie (S. 54ff).

 

Auch in dieser Ausgabe

 

Die multimodale Schmerztherapie gilt als der „Goldstandard“ in der Schmerzmedizin und ist zentrale Therapieempfehlung der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Kreuzschmerz und anderer Leitlinien. Ihre Effektivität ist vielfach in internationalen Studien belegt. Doch wie implementiert man ein multimodales Behandlungskonzept im realen Krankenhausalltag. Die multimodale Schmerztherapie kann teil- oder vollstationär durchgeführt werden. Der Aufbau einer Einrichtung der stationären Schmerztherapie ist alles andere als banal. Wie sie dennoch gelingen kann, erläutert Dr. Andreas Böger, Kassel (S. 8).

Knochenmetastasen im Verlauf einer Karzinomerkrankung sind ausgesprochen häufig und ebenso gefürchtet, ihr Leitsymptom ist der Schmerz, sie schränken die Beweglichkeit der Betroffenen ein und führen zu einer erhöhten Frakturneigung und Hospitalisierungsrate. Insbesondere Patienten mit Mamma- oder Prostatakarzinom im fortgeschrittenen Stadium entwickeln ossäre Metastasen. Die Behandlung von Knochenschmerzen ist komplex, sie verlangt viel Erfahrung. Osteoprotektiva sind eigenständiger und integraler Bestandteil der Therapie. Mit den Prinzipien und Auswirkungen der Osteoprotektion muss demnach auch ein Schmerzmediziner vertraut sein. Professor Ingo Diel, Mannheim, gibt hierzu einen Überblick (S. 36ff).

 

Aktiv mit chronischen Schmerzen umgehen, ist das auch bei betagten, körperlich eingeschränkten und kognitiv beeinträchtigten Patienten möglich? Doktor Marion Dunkel meint ja, und stellt dazu ein multimodales an die Geriatrie angepasstes Behandlungskonzept vor (S. 40ff). Neuromodulativen Verfahren zur Behandlung chronischer Schmerzen kommt eine wachsende Bedeutung zu. Zu diesen Verfahren zählt auch die intrathekale Arzneimittelinfusion. Dr. Frank Bode nennt die Indikationen und Limitationen der Methode (S. 34f). Neben der intrathekalen Medikamentengabe und der epiduralen Nervenstimulation konnten sich in den letzten Jahren auch neuere Verfahren wie die periphere Nervenfeldstimulation, die gepulste Radiofrequenzablation und die Ganglionstimulation etablieren. Welche neuromodulativen Verfahren bei welcher Schmerzerkrankung in Frage kommen, Dr. Michael Kugler, Löwenstein, erläutert es (S. 17ff).

 

Musik und Medizin

 

Wie man Kunst und Medizin heilend und lindernd zusammenführt, war und ist das große Thema von Prof. Dr. med. Ralph Spintge. Er hat die angst- und schmerzlösende Wirkung von Musik in zahlreichen klinischen Studien untersucht und konnte so die Wirksamkeit des musiktherapeutischen Ansatzes nachweisen. Für seine bedeutende Rolle in der Etablierung der Musikmedizin in der Schmerzmedizin wurde Professor Spintge mit dem Deutschen Schmerzpreis 2015 ausgezeichnet (S. 44).

 

 


Redaktion: Rüdiger Zart

 

 

App PHOTOSHOW

aus connexi 3-2015

4. bis 7. März 2015 Frankfurt am Main

26. Deutscher Schmerz- und Palliativkongress

Konferenzbericht

 

 


 

Titelbild:

CLARITY-Aufnahme eines Maus-Hippocampus

© 2015 Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München

 

Foto: Bianca Schmid, Leiterin der Core Unit CLARITY und Gehirnmikroskopie am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München.

 

Die Aufnahme zeigt den Hippocampus einer Maus, die das grünfluoreszierende Protein GFP in Nervenzellen exprimiert. Das gesamte Gehirn einer Maus wurde mit der neuen CLARITY-Methode transparent gemacht. Anschließend wurde der Hippocampus mit einem sogenannten Light Sheet Mikroskop aufgenommen und dreidimensional dargestellt. CLARITY erlaubt es, Gewebe vollständig transparent zu machen, wobei die anatomische Form, Proteine und  DNA erhalten bleiben. Dadurch ist erstmals die gleichzeitige Gewinnung von strukturellen und molekularen Informationen an einem unveränderten biologischen System möglich.

 

Der Hippocampus generiert Erinnerungen, indem er Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis überführt,  ermöglicht räumliche Orientierung und spielt bei Stress und emotionaler Belastung eine wichtige Rolle. Patienten mit chronischen Schmerzen leiden häufig auch unter Depressionen. Umgekehrt erhöhen depressive Störungen das Risiko für chronische Schmerzen.

Mit CLARITY wird daran gearbeitet, ein ganzheitliches Verständnis von neuronalen Prozessen, einschließlich dem Schmerzempfinden zu bekommen.

 
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