Tumordurchbruchschmerz

Psychosoziale und schmerzpsychotherapeutische Aspekte

von Karin Kieseritzky  

 

Tumordurchbruchschmerzen treten bei ca. 30 % aller Patienten mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung und medikamentös behandeltem Dauerschmerz auf [1]. Diese plötzlich, manchmal ohne erkennbaren Auslöser auftretenden stärksten Schmerzen [2] mindern die Lebensqualität und Therapiezufriedenheit [3], sind verbunden mit einem höheren Ausmaß von Ängsten, Depression und Schlafstörungen [4], stärkerem Dauerschmerz und Funktionseinbußen [5], Verlust der sozialen Rolle [6], Beeinträchtigungen in den sozialen Kontakten [7].

 

Patienten mit Tumordurchbruchschmerzen (TDBS) erleben zusätzlich einen ausgeprägten Verlust von Kontrolle über ihren eigenen Körper [4, 6]. Viele Patienten berichten Mängel in der Konzen­trationsfähigkeit und Beeinträchtigungen in ihren alltäglichen Aktivitäten und empfinden sich als Last für andere [8]. Diese psychischen Beeinträchtigungen durch den TDBS können aber selbst wiederum zu einer Schmerzverstärkung beitragen im Sinne eines gegenseitigen Aufschaukelungsprozesses [9] (Abbildung 1).

 

 

Die Folgen schlecht kontrollierbarer Tumordurchbruchschmerzen sind Unzufriedenheit mit der analgetischen Therapie [10] und ein allgemeiner Verlust des Vertrauens in die Medizin [11]. Eine adäquate Therapie des TDBS wird zusätzlich dadurch erschwert, dass viele Tumorpatienten den Behandlern nur sehr zurückhaltend über ihre Schmerzen berichten. Die Gründe sind vielfältig [12, 13]:

  • Angst vor dem Progress der Erkrankung bzw. der Unmöglichkeit der Heilung,
  • Krankheit/Schmerz als Strafe oder Verhandlungsgut im Tausch gegen Heilung,
  • Ablehnung von „Chemie“ aus Angst vor weiterer Schädigung,
  • Wunsch, ein unproblematischer Patient zu sein,
  • Sorge, den Arzt von der primären Krebsbehandlung abzulenken,
  • Versuch, Kampfgeist zu beweisen,
  • Fatalismus, Schmerz wird als unausweichliche Begleiterfahrung gesehen,
  • Ablehnung von Morphin,
  • Angst vor seinen Nebenwirkungen und vor Abhängigkeit, Angst vor Toleranzentwicklung,
  • Wunsch nach eigener Kontrollmöglichkeit,
  • Bedürfnis nach Selbstbestimmung.

 

 

Deshalb ist es wichtig, gezielt nach Krebsschmerzen oder einer Verstärkung der Schmerzen zu fragen. Auch wenn der Patient die Frage nach Schmerzen zunächst verneint, gibt möglicherweise die Frage nach dem Nachtschlaf Aufschluss über das Vorliegen verschwiegener Schmerzen.

 

Auf der Grundlage eines biopsychosozialen Krankheitsverständnisses des Tumorschmerzes [14] haben eine gezielte Aufklärung über Tumordurchbruchschmerzen [15], Edukation und die Anleitung zu aktiven Copingstrategien als schmerzpsychotherapeutische Interventionen einen positiven Einfluss auf das Gesamtbefinden und den Schmerz und verbessern das Gefühl der eigenen Kontrolle [16]. Das ursprünglich für Palliative Care entwickelte Konzept des Total Pain [17] als „Leiden, das alle körperlichen, psychologischen, sozialen, spirituellen und praktischen Belange einer Person umfasst“ (Abbildung 2) lässt sich als Grundlage für die schmerzpsychologische Diagnostik und Therapie [18, 19] chronischer Tumorschmerzen in einem multimodalen Setting der Tumorschmerztherapie einschließlich pharmakologischer, psychotherapeutischer, rehabilitativer und interventioneller Interventionsansätze nutzen [18].

 

Bislang gibt es kaum Studien über die Wirksamkeit schmerzpsychotherapeutischer Interventionen bei Tumordurchbruchschmerzen. Hilfreich können kurze verhaltenstherapeutische Interventionen sein, die sich als Ergänzung zur medikamentösen Behandlung von Akutschmerzen [20] als effektiv zur Schmerzlinderung und zur Reduktion schmerzbedingter negativer Emotionen und Überzeugungen bewährt haben [21]: gezielte Ablenkungsstrategien, Selbstverbalisationsverfahren, Visualisierung, Imagination, Hypnose und Relaxation [22].

 

Bei unzureichend beherrschbaren Schmerzen ist zudem der Beziehungsaspekt von besonderer Bedeutung. Um zu vermeiden, dass es zu einer Verstärkung der Schmerzen durch das Gefühl sozialer Zurückweisung [23], Isolation und Hilflosigkeit kommt, sollte dem Patienten vermittelt werden, dass er nicht zur Last fällt, es nicht an seiner Person liegt, ihn keine Schuld trifft und dass er nicht allein gelassen wird.    

 

Referenzen
  1. Portenoy RK, Hagen NA. Breakthrough pain: definition, prevalence and characteristics. Pain 1990; 41: 273–81.
  2. Hagen NA, Biondo P, Stiles C. Assessment and management of breakthrough pain in cancer patients: current approaches and emerging research. Curr Pain Headache Rep 2008; 12: 241–8.
  3. American Pain Foundation. Breakthrough cancer pain: mending the break in the continuum of care. J Pain Pall Care Pharmacother 2011; 25: 252–64.
  4. Portenoy RK, Payne D, Jacobsen P. Breakthrough pain: characteristics and impact in patients with cancer pain. Pain 1999; 8: 129–34.
  5. Caraceni A, Martini C, Zecca E, Portenoy RK. Breakthrough pain characteristics and syndromes in patients with cancer pain. Palliat Med 2004; 18: 177–83.
  6. Webber K, Davies AN, Cowie MR. Breakthrough pain: a qualitative study involving patients with advanced cancer. Support Care Cancer 2011; 19: 2041–6.
  7. Twomey F, O‘Brien T, O‘Reilly M et al. An observational research study to evaluate the impact of breakthrough cancer pain on the daily lives and functional status of patients. Ir Med J 2015; 108: 174–6.
  8. Zeppetella G. Breakthrough pain in cancer patients. Clin Oncol 2011; 23: 393–8.
  9. Coyle N, Foley K. Pain in patients with cancer: profile of patients and common pain syndromes. Semin Oncol Nurs 1985; 1(2): 93–9.
  10. Breivik H, Cherny N, Collett B et al. Cancer-related pain: a pan-European survey of prevalence, treatment, and patient attitudes. Ann Oncol 2009; 20: 1420–33.
  11. Zeppetella G. Breakthrough pain. In: Oxford Textbook of Palliative Medicine, 4th edition, 2010: 654–61.
  12. Oliver JW, Kravitz RL, Kaplan SH, Meyers FJ. Individualized patient education and coaching to improve pain control among cancer outpatients. J Clin Oncol 2001; 19(8): 2206–12.
  13. Ward S, Goldberg N et al. Patient related barriers to management of cancer pain. Pain 1993; 52: 319–24.
  14. Davies A, Zeppetella G, Andersen S. Multi-centre European study of breakthrough cancer pain: pain characteristics and patient perceptions of current and potential management strategies. Eur J Pain 2010; 15, 756–63.
  15. Zaza C Baine N. Cancer pain and psychosocial factors: a critical review of the literature. J Pain Symptom Manage 2002; 24: 526–42.
  16. Portenoy RK. Treatment of temporal variations in chronic cancer pain. Semin Oncol 1997; 24: S16.7–S16.12.
  17. Saunders CM. The management of terminal malignant disease. 1st edition, London: Edward Arnold, 1978.
  18. IASP (2009) Total Cancer Pain. http://www.iasp-pain.org/files/Content/ContentFolders/GlobalYearAgainstPain2/CancerPainFactSheets/TotalCancerPain_Final.pdf
  19. Tickoo RS, Key RG Breitbart WS. Cancer related Pain. In: Holland JC Breitbart WS et al. (editors) Psycho-Oncology. Oxford University Press, 2015: 171–94.
  20. Hüppe M, Klinger R. Akuter Schmerz. In: Kröner-Herwig B, Frettlöh J, Klinger R, Nilges P (Hrsg.): Schmerzpsychotherapie (7. Aufl.). Berlin: Springer 2011. 77–87.
  21. Luebbert K, Dahme B, Hasenbring M. The effectiveness of relaxation training in reducing treatment-related symptoms and improving emotional adjustment in acute non-surgical cancer treatment: a meta-analytical review. Psychooncology 2001; 10(6): 490–502.
  22. Clum GA, Luscomb RL, Scott L. Relaxation training and cognitive redirection strategies in the treatment of acute pain. Pain 1982; 12(2): 175–83.
  23. Kross E, Berman MG, Mischel W et al. Social rejection shares somatosensory representations with physical pain. Proc Natl Acad Sci U S A; 2011; 108(15): 6270–5.
 
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Autorin:

 

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Karin Kieseritzky, Bremen

kkieseritzky@sjs-bremen.de

 

 
 
 

 

aus connexi  9-2016

Schmerz- und Palliativmedizin

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