Wir wollen Prävention, Diagnostik und Behandlung noch enger verzahnen

Interview mit Dr. Axel Baumgarten

 

Wir wollen Prävention, Diagnostik und Behandlung noch enger verzahnen

 

UNAIDS hat bis zum Jahr 2020 große Ziele in der HIV-Prävention und -Versorgung. Deutschland schlägt sich insgesamt passabel, aber es gibt auch unerledigte Hausaufgaben.  sprach mit dagnä-Vorstand Dr. Axel Baumgarten über aktuelle Herausforderungen und Lösungsoptionen.

 

Herr Dr. Baumgarten, zum Zeitpunkt unseres Interviews scheint sich die Bildung einer neuen Bundesregierung bis in das Jahr 2018 zu verzögern. Ein Problem für die Versorgung von Menschen mit HIV und anderen Infektionskrankheiten?

Gesamtgesellschaftlich ist natürlich zu hoffen, dass bald eine stabile Regierung gebildet werden kann, schließlich gibt es nicht nur in der Gesundheitspolitik Herausforderungen, die angegangen werden müssen. Eine längere Phase der Unsicherheit ist sicherlich nicht gut. Dies gilt natürlich auch für die Versorgung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Gleichzeitig bin ich froh, dass inzwischen ein recht breiter politischer Konsens besteht, der es einfacher macht, über moderne Prävention und Versorgung zu sprechen. Dies gilt hoffentlich für jede künftige Regierungskonstellation. Denn auch bei HIV gilt: Wir können die Hände nicht in den Schoß legen. Das 90-90-90-Ziel von UNAIDS … … wonach 90 % der Betroffenen von ihrer HIV-Infektion wissen, 90 % von ihnen sich in Behandlung befinden und wiederum von diesen weitere 90 % virologisch supprimiert, also erfolgreich behandelt werden. Genau, UNAIDS hat ein ambitioniertes Ziel gesetzt, bei dem Deutschland aktuell leider nur das dritte 90-Ziel, die effektive Supprimierung der Viruslast, erreicht: Den Zahlen unserer Versorgungsforschung zufolge wird dieses Ziel aber in der ambulanten HIV-Schwerpunktversorgung deutlich übererfüllt: Circa 93 % der HIV-Infizierten haben eine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Dies ist erfreulich und zeigt, dass – in aller Bescheidenheit – in Deutschland offenbar gute Strukturen bei den HIV-Schwerpunktbehandlern existieren. An den anderen beiden 90-Zielen gilt es jetzt zu arbeiten. Und wir dürfen nicht vergessen: UNAIDS will die Ziele bis zum Jahr 2020 erreichen, sehr viel Zeit haben wir also nicht mehr.

 

Ziel muss der Facharzt mit Schwerpunkt für Infektiologie sein.

 

Was muss getan werden?

Es gibt verschiedene Stellschrauben. Für die Versorgungsstrukturen möchte ich noch einmal betonen: Die ambulante HIV-Schwerpunktversorgung ist erfolgreich. Unverzichtbare Grundlage ist hierfür eine Qualitätssicherungsvereinbarung nach § 135 SGB V in Verbindung mit dem EBM. Beide stellen Qualität und Finanzierung gegenwärtig angemessen sicher. Zugleich müssen sie aber künftig die stark zunehmenden Komorbiditäten besser abbilden. Das steht noch aus. Grundsätzlich macht aus ärztlicher Sicht der hohe Aufwand in der Betreuung von Menschen mit chronischen Virushepatitiden oder anderen Infektionskrankheiten Sorgen. Hier muss dringend bundespolitisch eine Weichenstellung für einen ambulanten Schwerpunkt erfolgen. Bisher passiert hier leider zu wenig. Konkret sind zwei Dinge jetzt wichtig: Zum einen benötigen wir eine Verbreiterung der Versorgungsstrukturen, um den Bedarf an infektiologischer Versorgung abzudecken. Zum anderen ist eine Vertiefung der Expertise notwendig, um komplexe infektiologische Erkrankungen fachgerecht behandeln zu können. Die novellierte Zusatzweiterbildung Infektiologie geht in die richtige Richtung zur Verbreiterung des Versorgungsangebotes, ausreichend für die notwendige Vertiefung der Behandlungsqualität ist sie gleichwohl nicht. Ziel muss der Facharzt mit Schwerpunkt für Infektiologie bleiben. Wir wollen schließlich die Versorgung von hochkomplexen Erkrankungen auch künftig sicherstellen und Nachwuchssorgen vorbeugen.

 

Die dagnä engagiert sich neuerdings sehr für so genannte „Checkpoint+“-Projekte. Warum?

Ja, das ist richtig. „Checkpoints“ zur Prävention werden von der Selbsthilfe angeboten, vor allem durch Aidshilfen. Dies soll selbstverständlich so bleiben. Aber wir stellen zugleich Schnittstellenprobleme und eine wachsende Nachfrage für schnell erreichbare wie auch niedrigschwellige Angebote fest, nicht nur bei HIV. Hinzu kommt: Je früher eine Diagnose gestellt werden kann, desto früher kann eine Therapie begonnen werden, desto besser sind die medizinischen Aussichten. Deswegen ist unsere Idee entstanden, Angebote zur Prävention, Diagnostik und Behandlung noch enger mit der Selbsthilfe zu verzahnen, sowohl inhaltlich wie auch räumlich. Wir wollen kurze Wege schaffen und Prävention und Versorgung bei STI stärken. Solche Strukturen sind auch ein guter Rahmen für den Einsatz der PrEP, wie auch für die Versorgung von Menschen ohne Papiere. Große Summen oder neue Arztsitze sind für einen solchen „Checkpoint+“ nicht notwendig. Wir hoffen, dass Testläufe in Berlin und Freiburg bald beginnen können.

 

 

Welchen Nutzen können in diesem Zusammenhang so genannte HIV-Heimtests bringen?

Die Idee setzt an dem ersten UNAIDS-Ziel an: Heimtests können dazu beitragen, die Dunkelziffer an nicht erkannten Infektionen zu verringern. Ein Vertriebsweg könnten „Checkpoints“ sein, allerdings wird sicherlich die Selbsthilfe der erste Ansprechpartner sein. Für uns ist ohnehin der Nutzen wichtig, den die Heimtests wie auch das so genannte „self sampling“ haben, um Infizierte schneller in die Schwerpunktversorgung zu bringen. Sie sind sicher kein Wundermittel, können aber einen Beitrag als weiterer Baustein in der Früh­erkennung von Neudiagnosen leisten. Deshalb sollte eine neue Bundesregierung schnell die Medizinprodukte-Abgabeverordnung sowie, falls notwendig, das Infektionsschutzgesetz anpassen. Und klar: Bei Auffälligkeiten muss schnellstmöglich ein ambulanter HIV/STI-Schwerpunkt einbezogen werden. Wir können aber auch bei den chronisch-viralen Virushepatitiden mehr tun: Um mehr Betroffene zu identifizieren, ist eine Aufnahme der GPT-Bestimmung in den Check-up 35 notwendig.

 

Heimtests können dazu beitragen,

die Dunkelziffer an nicht erkannten Infektionen­ zu verringern.

 

Ein gesundheitspolitischer Dauerbrenner in der Infektiologie ist die Arzneimittelversorgung. Welche Neuigkeiten gibt es hier?

Tja, das Damoklesschwert der Wirtschaftlichkeit schwebt wohl über jedem niedergelassenen HIV-Schwerpunktarzt und Infektiologen. Das LSG-Urteil zur Wirtschaftlichkeit des so genannten „Mischpreises“ hat deshalb wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Dabei nehme ich für uns HIV-Schwerpunktbehandler in Anspruch: Wir verordnen bereits wirtschaftlich. Das zeigt unsere Versorgungsforschung bei therapienaiven Patienten deutlich: Nach einem Jahr befand sich die Viruslast bei 93 % der Pa­tienten unter der Nachweisbarkeitsgrenze – und zugleich waren die initialen Arzneimittelkosten gesunken. Umso wichtiger also, dass wir sinnvolle Regeln finden. Es muss klargestellt werden, dass der „Mischpreis“ die Wirtschaftlichkeit über das gesamte Anwendungsgebiet hinweg herstellt. Für die künftige Ausgestaltung des Arztinformationssystems muss gelten: frei von finanziellen Interessen Dritter, kostenneutrale Information über frühe Nutzenbewertung und aktuelle Leitlinien sowie weitere verfügbare Evidenz.  

 

Herr Dr. Baumgarten, vielen Dank für das Gespräch.

 

Dr. Axel Baumgarten ist Mitglied des dagnä-Vorstandes.

 

 

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Interview mit:

 

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Dr. med. Axel Baumgarten

baumgarten@dagnae.de

 

 
 
 
 

 


 

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aus connexi  10-2017

AIDS und Hepatitis

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